Virtuelle Gesundheit

Virtuelle Gesundheit beschreibt die Erbringung von Gesundheitsleistungen über digitale Kanäle. Der Begriff umfasst Videosprechstunden, virtuelle Kliniken, digitale Rehabilitationsprogramme, Remote Patient Monitoring und VR gestützte Therapien. In Deutschland hat die Pandemie den Durchbruch beschleunigt: 2019 führten weniger als 2 Prozent der Praxen Videosprechstunden durch, 2024 waren es über 30 Prozent.

Von Burak Uzun, Geschäftsführer der Sanofeld GmbH · Aktualisiert am 20.02.2025

Virtuelle Gesundheit als Oberbegriff

Virtuelle Gesundheit (Virtual Health) ist der Oberbegriff für alle Formen der Gesundheitsversorgung, die ohne physische Präsenz von Patient und Behandler am selben Ort stattfinden. Der Begriff ist weiter gefasst als Telemedizin, die primär die ärztliche Fernbehandlung durch zugelassene Gesundheitsdienstleister meint.

Abgrenzung der Begriffe

Telemedizin: Ärztliche Diagnostik und Therapie über Distanz. Umfasst Videosprechstunden, Telekonsile zwischen Ärzten und Teleradiologie. Reguliert durch das Fernbehandlungsverbot (gelockert seit 2018 durch Änderung der Musterberufsordnung).

Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA): Apps und browserbasierte Anwendungen, die als Medizinprodukt zugelassen sind und auf Rezept verordnet werden können. Das DiGA Verzeichnis des BfArM umfasste Anfang 2026 rund 65 dauerhaft gelistete Anwendungen.

Virtual Health: Integriert Telemedizin, DiGA, Remote Monitoring, digitale Therapeutika, virtuelle Rehabilitation und KI gestützte Triage in einem Gesamtkonzept. Der Kern: Der Patient kann einen relevanten Teil seiner Versorgung digital erhalten, ohne eine Praxis oder Klinik aufzusuchen.

Regulatorischer Rahmen in Deutschland

Die rechtlichen Grundlagen für virtuelle Gesundheitsleistungen sind fragmentiert:

  • Fernbehandlung: Paragraph 7 Abs. 4 MBO Ä erlaubt Fernbehandlung, wenn dies ärztlich vertretbar ist. Die Umsetzung variiert je nach Landesärztekammer.
  • Videosprechstunde Abrechnung: EBM GOP 01450/01451 (Erstvorstellung/Folgekontakt). Die frühere Obergrenze von 30 Prozent des Fallvolumens wurde rückwirkend zum 1. Januar 2025 aufgehoben, seit dem 1. April 2025 dürfen bis zu 50 Prozent der Patienten pro Quartal per Video behandelt werden (KBV, 2025)
  • ePA: Seit Januar 2025 für alle gesetzlich Versicherten verfügbar, Grundlage für die digitale Kontinuität virtueller Versorgungspfade
  • E Rezept: Seit Januar 2024 verpflichtend für GKV Verordnungen, ermöglicht vollständig digitale Versorgungsketten

Virtuelle Kliniken und Online Sprechstunden

Virtuelle Kliniken sind digitale Versorgungsplattformen, die ärztliche Leistungen ausschließlich oder überwiegend per Videosprechstunde und Chat erbringen. International hat dieses Modell eine rasante Entwicklung durchlaufen.

Anbieter in Deutschland

TeleClinic: 2015 gegründet, seit 2020 Teil der Zur Rose Gruppe (jetzt DocMorris). Rund 250 zugelassene Ärzte aus über 30 Fachrichtungen. Wartezeiten unter 30 Minuten. Abrechnung über GKV (EBM) und privat (GOÄ). Monatlich ca. 100.000 Konsultationen.

Kry (Teleclinic by Kry): Schwedischer Anbieter, in Deutschland seit 2019. Videobasierte Konsultation mit angeschlossener Rezeptausstellung und Krankschreibung. Fokus auf Allgemeinmedizin und Dermatologie.

Doctolib: Primär ein Terminbuchungsportal (20 Millionen Nutzer in Deutschland), expandiert in Videosprechstunden. Doctolib stellt die technische Infrastruktur für Praxen bereit, die selbst die Videosprechstunden durchführen.

Avi Medical, Teleconsult, Fernarzt: Weitere Plattformen mit unterschiedlichen Spezialisierungen (Avi Medical: eigene digitale Praxen mit physischen Standorten, Fernarzt: Fokus Chroniker Management).

Fernbehandlung in der Praxis

Die rein digitale Erstbehandlung ohne vorherigen persönlichen Kontakt ist seit 2018 grundsätzlich erlaubt. In der Praxis zeigen sich folgende Grenzen:

  • Körperliche Untersuchung nicht möglich (Auskultation, Palpation, Reflexprüfung)
  • Labordiagnostik erfordert physische Probenentnahme
  • Bildgebung nur mit stationären Geräten möglich
  • Notfälle erfordern physische Präsenz

Die Stärke virtueller Konsultationen liegt bei Befundbesprechungen, Rezeptverlängerungen, Medikamentenanpassungen, dermatologischen Blickdiagnosen und psychotherapeutischen Sitzungen. Studien zeigen: für ca. 30 bis 40 Prozent aller hausärztlichen Anliegen ist eine Videosprechstunde medizinisch gleichwertig zur Präsenzvorstellung.

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Virtuelle Rehabilitation und digitale Therapie

Die Verlagerung von Rehabilitationsleistungen in den virtuellen Raum hat durch die Pandemie einen Entwicklungssprung gemacht. Tele Reha, VR gestützte Therapie und digitale Physiotherapie sind eigenständige Versorgungskonzepte geworden.

Tele Reha

Tele Rehabilitation bezeichnet die Erbringung von Rehabilitationsleistungen über digitale Kanäle. Die Deutsche Rentenversicherung hat mit Tele Reha Nachsorge (TRN) ein standardisiertes Programm für die Phase nach der stationären Rehabilitation etabliert. Patienten führen Übungen zuhause durch, dokumentieren per App und erhalten regelmäßiges Therapeutenfeedback per Video. Studien zeigen vergleichbare Outcomes zur Präsenzrehabilitation bei höherer Adhärenz.

VR gestützte Psychotherapie

Virtual Reality eröffnet neue Therapieansätze in der Psychotherapie:

  • Expositionstherapie bei Angststörungen: Virtuelle Szenarien (Höhe, Flugreisen, soziale Situationen) ermöglichen kontrollierte Konfrontation. Metaanalysen zeigen Effektstärken vergleichbar mit In vivo Exposition.
  • PTBS Behandlung: VR basierte Exposition (z. B. Bravemind, entwickelt am USC) für traumatische Erlebnisse. In Deutschland wird VR Exposition an der Charité Berlin und der Universität Würzburg erforscht.
  • Schmerztherapie: VR Ablenkung bei Verbandswechseln (SnowWorld), chronische Schmerzbehandlung durch immersive Entspannungsszenarien. AppliedVR (RelieVRx) erhielt 2021 die FDA Zulassung als digitales Therapeutikum für Schmerzen.
  • Neurorehabilitation: VR Training für Schlaganfallpatienten zur Verbesserung der Motorik (z. B. MindMotion von MindMaze).

Digitale Physiotherapie

Apps und Plattformen wie Kaia Health (zugelassene DiGA für Rückenschmerzen und COPD), Caspar Health (Tele Reha Plattform) und Vivira leiten Patienten durch Übungsprogramme mit Bewegungserkennung über die Smartphone Kamera. Die Vorteile: niederschwelliger Zugang, Dokumentation der Adhärenz, Anpassung der Übungsintensität durch Algorithmen. Die Limitationen: keine manuelle Therapie möglich, keine taktile Korrektur der Übungsausführung, nicht für alle Indikationen geeignet.

DiGA in der Rehabilitation

Mehrere zugelassene DiGA adressieren rehabilitative Indikationen: Kaia Rückenschmerz, Vivira (muskuloskelettale Beschwerden), Selfapy (Depression), Mika (Krebs Begleitung), Rehappy (Schlaganfall Nachsorge). Die Verschreibungszahlen steigen: 2024 wurden über 350.000 DiGA Freischaltcodes eingelöst, ca. 25 Prozent davon für rehabilitative Indikationen.

Wearables und Remote Patient Monitoring

Tragbare Sensoren und implantierbare Geräte ermöglichen die kontinuierliche Überwachung physiologischer Parameter außerhalb der Klinik. Remote Patient Monitoring (RPM) integriert diese Daten in klinische Entscheidungsprozesse.

Smartwatches und Fitness Tracker

Die Apple Watch (seit Series 4 mit EKG, seit Series 9 mit SpO2 und Hauttemperatur) und Samsung Galaxy Watch (BioActive Sensor für EKG, Blutdruck, Körperzusammensetzung) sind die verbreitetsten Consumer Wearables mit medizinisch relevanten Funktionen. Die Apple Watch hat Vorhofflimmern Erkennung als CE zertifiziertes Medizinprodukt (Klasse IIa) registriert. Die Studie Apple Heart Study (Stanford, 419.000 Teilnehmer) zeigte eine positive prädiktive Wertigkeit von 84 Prozent für Vorhofflimmern.

Continuous Glucose Monitoring (CGM)

CGM Systeme wie Dexcom G7, Abbott FreeStyle Libre 3 und Medtronic Guardian 4 messen den Gewebezucker im 1 Minuten Takt über einen subkutan implantierten Sensor. Die Daten fließen in Echtzeit auf das Smartphone und können an Angehörige oder die diabetologische Praxis weitergeleitet werden. In Deutschland tragen ca. 500.000 Menschen mit Diabetes einen CGM Sensor. Die GKV übernimmt die Kosten für Typ 1 Diabetes und insulinpflichtigen Typ 2 Diabetes.

Implantate und Remote Monitoring

Kardiale Implantate (Herzschrittmacher, ICDs, CRT Systeme) von Medtronic, Abbott und Boston Scientific senden Telemetriedaten automatisch über das Mobilfunknetz an die kardiologische Praxis. Das ermöglicht die frühzeitige Erkennung von Arrhythmien, Elektrodenproblemen und Batterieerschöpfung ohne Praxisbesuch. Die European Society of Cardiology empfiehlt Remote Monitoring als Standard of Care für alle Implantatträger.

Datenintegration und Interoperabilität

Eine zentrale Hürde bleibt die Integration der Wearable-Daten in das KIS und die ePA. Apple HealthKit und Google Health Connect aggregieren Daten auf dem Smartphone. Der Transfer in klinische Systeme erfordert standardisierte Schnittstellen (FHIR Observations, IEEE 11073). Die gematik arbeitet an einer Wearable Schnittstelle für die ePA. Bis dahin bleiben viele RPM Daten in Silos: Hersteller Apps, die weder mit dem KIS noch mit der ePA kommunizieren.

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Marketing für virtuelle Gesundheitsangebote

Der Markt für virtuelle Gesundheitslösungen wächst spürbar: Die GKV-Ausgaben für DiGA stiegen allein von 2023 auf 2024 um 71 Prozent (GKV-Spitzenverband, 2025). Die Zielgruppen sind divers: Krankenkassen evaluieren digitale Versorgungsmodelle für ihre Versicherten, Klinikgruppen integrieren virtuelle Ambulanzen, Medizintechnikunternehmen vermarkten RPM Plattformen und Digital Health Startups suchen Nutzer für ihre DiGA.

Die Herausforderung: Vertrauen aufbauen. Patienten und Ärzte müssen überzeugt werden, dass virtuelle Versorgung medizinisch sicher und datenschutzkonform ist. Das erfordert Inhalte, die regulatorische Rahmenbedingungen erklären, klinische Evidenz transparent darstellen und konkrete Anwendungsfälle zeigen.

Sanofeld entwickelt als Healthcare Agentur Content Marketing und SEO Strategien für Virtual Health Unternehmen, Telemedizin Plattformen und Digital Health Startups. Wir erstellen Fachinhalte zu DiGA, Fernbehandlung und Remote Monitoring, die Vertrauen bei Fachpublikum und Patienten schaffen. Von der technischen SEO über Fachartikel bis zum Social Media Marketing begleiten wir den gesamten digitalen Auftritt. Kontaktieren Sie uns für Ihre Virtual Health Marketingstrategie.

Siehe auch: GEO · Gesundheits Apps

Nutzung und Marktzahlen in Deutschland

Wie stark virtuelle Versorgung tatsächlich genutzt wird, lässt sich an mehreren Kennzahlen ablesen. Sie zeigen ein gemischtes Bild: hohe regulatorische Dynamik und wachsende Infrastruktur auf der einen Seite, zurückhaltende Inanspruchnahme durch Versicherte auf der anderen.

KennzahlWertQuelle (Jahr)
Videosprechstunden bei TK-Versicherten 2024711.000, plus 23 Prozent gegenüber 2023 (2023: 576.000, Höchstwert 2021: 956.000)Techniker Krankenkasse (07/2025)
DiGA-Inanspruchnahmen 1.9.2020 bis 31.12.2024861.000, GKV-Ausgaben dafür 234 Mio. EuroGKV-Spitzenverband, DiGA-Bericht (04/2025)
Anstieg der DiGA-Ausgaben 2023 zu 2024plus 71 ProzentGKV-Spitzenverband (04/2025)
ePA-Dokumentenuploads seit Start (Stand Oktober 2025)37 Mio. Dokumente, davon 10,6 Mio. allein im Oktober 2025gematik, via Deutsches Ärzteblatt (10/2025)
Einrichtungen mit ePA-Zugriff130.000 von 160.000 (81 Prozent der Praxen, Apotheken und Kliniken)gematik, via Deutsches Ärzteblatt (10/2025)
Seniorinnen und Senioren mit Videosprechstunden-Erfahrung6 Prozent (41 Prozent können künftige Nutzung vorstellen)Bitkom (2026)

Auffällig ist die Lücke zwischen Akzeptanz und Praxis: Während die ePA-Infrastruktur breit anläuft und sich über 80 Prozent der Einrichtungen angeschlossen haben, bleibt die aktive Nutzung durch Patienten gering. Für die Vermarktung virtueller Angebote bedeutet das, dass Aufklärung und Vertrauensaufbau wichtiger sind als Reichweite allein.

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