Medikamentenmanagement

Etwa 250.000 Krankenhauseinweisungen pro Jahr in Deutschland gehen auf unerwünschte Arzneimittelereignisse zurück. Medikamentenmanagement umfasst alle Maßnahmen, die den sicheren, wirksamen und wirtschaftlichen Einsatz von Arzneimitteln gewährleisten, von der Verordnung bis zur Einnahme.

Von Burak Uzun, Geschäftsführer der Sanofeld GmbH · Aktualisiert am 04.04.2026

Grundlagen des Medikamentenmanagements

Polymedikation als Ausgangsproblem

Etwa 40 Prozent der über 65 Jährigen in Deutschland nehmen fünf oder mehr Wirkstoffe gleichzeitig ein. Ab fünf Wirkstoffen spricht man von Polypharmazie. Mit jeder zusätzlichen Substanz steigt das Risiko für Wechselwirkungen, unerwünschte Arzneimittelwirkungen (UAW) und Einnahmefehler exponentiell. Medikamentenmanagement soll diese Risiken systematisch reduzieren.

Arzneimitteltherapiesicherheit

Der Aktionsplan AMTS des Bundesministeriums für Gesundheit definiert AMTS als die Gesamtheit aller Maßnahmen zur Gewährleistung eines optimalen Medikationsprozesses. Ziel ist es, Medikationsfehler zu vermeiden und unerwünschte Arzneimittelereignisse zu minimieren. Der Aktionsplan läuft seit 2008 in mehrjährigen Phasen und umfasst Maßnahmen auf Ebene der Verordnung, Abgabe, Anwendung und Überwachung.

PRISCUS Liste

Die PRISCUS Liste katalogiert Wirkstoffe, die für ältere Patienten potenziell inadäquat sind, darunter bestimmte Benzodiazepine, Anticholinergika und nichtsteroidale Antirheumatika. Die Liste wurde 2010 erstmals publiziert und 2022 als PRISCUS 2.0 aktualisiert. Sie dient Ärzten und Apothekern als Orientierungshilfe bei der Verordnung für Patienten über 65 Jahre.

Bundeseinheitlicher Medikationsplan

Gesetzliche Grundlage

Paragraf 31a SGB V gibt Patienten, die dauerhaft drei oder mehr verordnete Arzneimittel einnehmen, Anspruch auf einen Medikationsplan. Der Arzt erstellt den Plan, der Apotheker aktualisiert ihn bei der Abgabe. Der Plan enthält alle verordneten und selbst gekauften Arzneimittel mit Wirkstoff, Handelsname, Stärke, Darreichungsform, Dosierung und Einnahmehinweisen.

Vom Papier zur eGK

Der bundeseinheitliche Medikationsplan (BMP) wurde zunächst auf Papier ausgegeben. Seit 2020 kann er auch elektronisch auf der elektronischen Gesundheitskarte gespeichert werden (eMP). Die Integration in die elektronische Patientenakte ermöglicht perspektivisch eine automatische Aktualisierung bei jeder Verordnung und Abgabe.

Praxisprobleme

In der Realität bleibt die Nutzung des Medikationsplans hinter den Erwartungen zurück. Nur etwa 60 Prozent der anspruchsberechtigten Patienten erhalten einen Plan. Die Aktualisierung durch Fachärzte und Apotheker erfolgt unvollständig. Selbstmedikation wird selten erfasst. Der eMP soll diese Lücken schließen, setzt aber die flächendeckende Nutzung der TI voraus.

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Klinische Pharmazie im Krankenhaus

Stationsapotheker

In vielen Kliniken begleiten Stationsapotheker die Visite und prüfen Verordnungen auf Dosierung, Interaktionen und Kontraindikationen. Metaanalysen zeigen, dass die Einbindung klinischer Pharmazeuten die Rate unerwünschter Arzneimittelereignisse um 30 bis 50 Prozent senkt. In Großbritannien und den USA ist die klinische Pharmazie seit Jahrzehnten etabliert. In Deutschland hat das Krankenhauszukunftsgesetz (KHZG) die Einführung von Medikationsmanagement Systemen gefördert.

Medication Reconciliation

Beim Übergang zwischen Versorgungsbereichen, etwa bei Krankenhausaufnahme oder Entlassung, gehen Medikationsinformationen verloren. Medication Reconciliation (Medikationsabgleich) vergleicht die aktuelle Medikation des Patienten mit den Verordnungen in der Klinik und identifiziert Diskrepanzen. Studien belegen, dass bis zu 67 Prozent aller Patienten bei Aufnahme mindestens eine Diskrepanz aufweisen.

Entlassmanagement

Paragraf 39 Absatz 1a SGB V verpflichtet Krankenhäuser zum Entlassmanagement. Der Entlassbrief muss eine vollständige Medikationsliste enthalten. In der Praxis erreichen Entlassbriefe den Hausarzt oft erst Tage nach der Entlassung, während der Patient bereits versucht, seine alte und neue Medikation zusammenzuführen.

Digitale AMTS Werkzeuge

Interaktionsdatenbanken

Verordnungssoftware in Praxen und Kliniken nutzt Interaktionsdatenbanken wie die ABDA Datenbank, die ifap oder Scholz Datenbanken. Bei jeder Verordnung prüft das System automatisch auf Wechselwirkungen mit der bestehenden Medikation und gibt Warnhinweise aus. Das Problem: Zu viele Warnungen führen zur Alert Fatigue, Ärzte klicken Hinweise routinemäßig weg. Intelligente Priorisierung und kontextsensitive Darstellung sollen die Relevanz der Warnungen erhöhen.

KI gestützte Systeme

Künstliche Intelligenz kann Medikationsdaten mit Laborwerten, Diagnosen und genomischen Informationen verknüpfen und patientenindividuelle Dosierungsempfehlungen geben. In der Onkologie und Transplantationsmedizin sind solche Systeme bereits in der klinischen Erprobung. Pharmakogenomische Daten, etwa zur Aktivität von CYP Enzymen, ermöglichen eine präzisere Dosierung und vermeiden Über oder Unterdosierungen.

Elektronischer Medikationsplan auf der ePA

Die elektronische Patientenakte wird den elektronischen Medikationsplan automatisch aus allen Verordnungen und Apothekenabgaben zusammenführen. Zum ersten Mal entsteht damit ein vollständiges Bild der Gesamtmedikation eines Patienten, einschließlich der Verordnungen verschiedener Fachärzte.

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Adhärenz und Therapietreue

Das Ausmaß des Problems

Die Weltgesundheitsorganisation schätzt, dass in Industrieländern nur 50 Prozent der Patienten mit chronischen Erkrankungen ihre Medikamente wie verordnet einnehmen. Non Adhärenz verursacht geschätzte Kosten von 10 Milliarden Euro pro Jahr allein in Deutschland durch vermeidbare Krankenhauseinweisungen, Krankheitsprogression und Arbeitsunfähigkeit.

Ursachen

Non Adhärenz ist selten absichtliche Verweigerung. Häufige Ursachen sind Vergesslichkeit, komplexe Einnahmeregimes, Nebenwirkungsangst, fehlendes Krankheitsverständnis, Kosten (Zuzahlungen) und fehlende Überzeugung vom Nutzen der Therapie. Ältere Patienten mit Polypharmazie und kognitiven Einschränkungen sind besonders gefährdet.

Maßnahmen zur Verbesserung

Vereinfachte Einnahmeregimes (einmal täglich statt dreimal), Depotformulierungen (wöchentliche oder monatliche Gabe), Blisterverpackungen mit Tageseinteilung und digitale Reminder Systeme verbessern die Adhärenz nachweislich. Die motivierende Gesprächsführung (Motivational Interviewing) durch Arzt oder Apotheker zeigt in Studien konsistent positive Effekte auf die Therapietreue.

Zukunft des Medikamentenmanagements

Die Integration von E Rezept, elektronischem Medikationsplan, Interaktionsprüfung und Adhärenzmonitoring in ein durchgängiges digitales System verändert die Arbeitsabläufe spürbar. Angestrebt wird ein geschlossener Kreislauf: Der Arzt verordnet, die Software prüft, die Apotheke gibt ab, der Patient dokumentiert die Einnahme, der Arzt erhält Rückmeldung über Adhärenz und Wirkung.

Die technischen Voraussetzungen, Telematikinfrastruktur, ePA und E Rezept, werden gerade geschaffen. Die Herausforderung liegt in der Interoperabilität der Systeme und der Akzeptanz bei allen Beteiligten.

Medikamentenmanagement: Kommunikation und Vermarktung

AMTS Software, klinische Pharmazie Dienstleistungen und Adhärenzprogramme erreichen Kliniken, Apotheken und Patienten nur mit jeweils passender Ansprache.

Kommunikationsfelder

  • Klinikvermarktung: Anbieter von AMTS Software positionieren ihre Produkte gegenüber Klinikgeschäftsführungen und IT Leitern. Evidenz zu Fehlerreduktion und Kosteneinsparung überzeugt Entscheider.
  • Apothekenpartnerschaften: Pharma Unternehmen und Apothekenketten entwickeln gemeinsame Adhärenzprogramme.
  • Patienteninformation: Verständliche Informationen über Medikationsplan, Wechselwirkungen und sichere Arzneimittelanwendung stärken die Gesundheitskompetenz.
  • Fortbildung: CME zertifizierte Fortbildungen für Ärzte und Apotheker zu AMTS Themen.

Sanofeld unterstützt als Healthcare Agentur Unternehmen im Bereich Medikamentenmanagement bei Medical Writing, Fachkommunikation und Kampagnenentwicklung.

Siehe auch: Arzneimittelversorgung · Patientensicherheit · Generika · Regulatory Affairs · Pharmakovigilanz

Aktuelle Zahlen aus Deutschland

Seit 2025 verschiebt sich das Medikamentenmanagement in Deutschland von Papier und Insellösungen hin zu einer zentralen, digital geführten Medikation. Die folgenden Daten zeigen, wie schnell die Infrastruktur wächst und welche Effekte ein strukturiertes Management belegbar erzielt.

KennzahlWertQuelle (Jahr)
Eingelöste E-Rezepte seit Einführungüber 1 Milliardegematik (17.10.2025)
E-Rezept bundesweit verpflichtendseit Anfang 2024gematik (2025)
Automatische Übernahme von E-Rezept-Daten in die elektronische Medikamentenliste (eML)seit Januar 2025gematik (2025)
Angelegte ePA-Konten (Versicherte ohne Widerspruch)rund 70 Millionengematik / BMG (Februar 2025)
Verpflichtende Befüllung der ePA durch Praxen, Kliniken, Apothekenseit 1. Oktober 2025gematik (2025)
Honorar erweiterte Medikationsberatung bei Polymedikation (ab 5 Dauerarzneimitteln)90 EuroGKV-Schiedsspruch (Juni 2022)
Jährliches GKV-Budget für pharmazeutische Dienstleistungen150 Millionen EuroVOASG (2020)
Relative Mortalitätsreduktion unter ARMIN-Medikationsmanagement16 ProzentKV Sachsen / ARMIN-Evaluation (18.04.2023)

Besonders aufschlussreich ist das Modellvorhaben ARMIN (Arzneimittelinitiative Sachsen-Thüringen), das von 2014 bis 2022 lief. Patientinnen und Patienten mit interprofessionellem Medikationsmanagement von Hausarztpraxis und Stammapotheke hatten gegenüber gematchten Kontrollpatienten ein um 16 Prozent verringertes relatives Sterberisiko. Das ist einer der wenigen deutschen Belege dafür, dass ein abgestimmter Medikationsabgleich nicht nur Fehler reduziert, sondern auf einen harten klinischen Endpunkt wirkt.

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