Gesundheitskompetenz bezeichnet die Fähigkeit, Gesundheitsinformationen zu finden, zu verstehen, zu bewerten und anzuwenden. In Deutschland verfügen 58 Prozent der Bevölkerung über eine eingeschränkte Gesundheitskompetenz. Das hat Folgen für Versorgungsqualität und Gesundheitsgerechtigkeit.
Von Burak Uzun, Geschäftsführer der Sanofeld GmbH · Aktualisiert am 12.02.2025
Gesundheitskompetenz (Health Literacy) umfasst das Wissen, die Motivation und die Fähigkeiten, gesundheitsrelevante Informationen zu finden, zu verstehen, zu beurteilen und im Alltag anzuwenden. Die Definition der WHO betont, dass Health Literacy über reines Leseverständnis hinausgeht und kognitive, soziale und motivationale Aspekte einschließt.
Der European Health Literacy Survey (HLS EU) erfasst Gesundheitskompetenz anhand von 47 Items zu vier Informationsverarbeitungsschritten (Finden, Verstehen, Bewerten, Anwenden) in drei Bereichen (Krankheitsbewältigung, Prävention, Gesundheitsförderung). Das Ergebnis wird in vier Stufen eingeteilt: exzellent, ausreichend, problematisch und inadäquat.
Die zweite deutsche Gesundheitskompetenz Erhebung (Universität Bielefeld, 2021) zeigt: 58,8 Prozent der Bevölkerung haben eine eingeschränkte Gesundheitskompetenz (problematisch oder inadäquat). Besonders betroffen: Menschen mit niedrigem Bildungsniveau (78 Prozent eingeschränkt), Menschen mit Migrationshintergrund (71 Prozent), über 65 Jährige (66 Prozent) und chronisch Kranke (63 Prozent).
Der Nationale Aktionsplan Gesundheitskompetenz (NAP) formuliert 15 Empfehlungen in vier Handlungsfeldern: Gesundheitskompetenz im Erziehungs und Bildungssystem fördern, Gesundheitskompetenz im Alltag stärken, gesundheitskompetentes Gesundheitssystem schaffen, Forschung ausbauen. Der NAP wurde von einer Expertengruppe unter Leitung der Universität Bielefeld entwickelt und vom BMG unterstützt.
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Nicht nur Individuen, auch Organisationen können gesundheitskompetent sein. Ein gesundheitskompetentes Krankenhaus stellt sicher, dass Patienten die für sie relevanten Informationen finden und verstehen: verständliche Wegeleitsysteme, laienverständliche Arztbriefe, mehrsprachige Informationsmaterialien und geschultes Personal.
Das WHO Konzept der Health Literate Healthcare Organization definiert zehn Attribute, darunter: Leadership für Gesundheitskompetenz, patientenverständliche Formulare und Informationen, Kommunikationstrainings für Mitarbeiter, Teach back Verfahren zur Verständnissicherung und Einbeziehung der Patientenperspektive in die Organisationsentwicklung.
eHealth Literacy erweitert das Konzept um die Fähigkeit, digitale Gesundheitsinformationen zu finden, zu bewerten und zu nutzen. Das HLS GER 2 zeigt, dass die digitale Gesundheitskompetenz noch stärker eingeschränkt ist als die allgemeine: 75 Prozent der Befragten haben Schwierigkeiten, die Zuverlässigkeit von Online Gesundheitsinformationen zu beurteilen.
Die Nutzung von ePA, E Rezept und DiGA setzt ein Mindestmaß an digitaler Gesundheitskompetenz voraus. Damit kann die Digitalisierung bestehende Ungleichheiten verstärken: Wer digital sicher ist, profitiert von ePA, E-Rezept und DiGA, während Menschen mit geringer digitaler Kompetenz seltener Zugang finden.
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Siehe auch: Gesundheitsinformation · Gesundheitskommunikation · Gesundheitsbildung · Healthcare PR · Health Influencer · Gesundheitserziehung
Mit dem dritten Health Literacy Survey Germany (HLS-GER 3) liegen seit Oktober 2025 neuere Zahlen vor. Die Erhebung des Interdisziplinären Zentrums für Gesundheitskompetenzforschung der Universität Bielefeld unter Leitung von Doris Schaeffer wurde zwischen Oktober 2024 und Januar 2025 bei rund 2.650 Erwachsenen vom Institut für Demoskopie Allensbach durchgeführt. Sie zeigt erstmals eine leichte Verbesserung: Der Anteil mit geringer Gesundheitskompetenz sank gegenüber HLS-GER 2 um 3,1 Prozentpunkte auf 55,7 Prozent. Auch die digitale Gesundheitskompetenz verbesserte sich, um 4,7 Prozentpunkte gegenüber HLS-GER 2, blieb aber das größere Problemfeld.
| Kennzahl | Wert | Quelle (Jahr) |
|---|---|---|
| Geringe Gesundheitskompetenz (HLS-GER 3) | 55,7 Prozent, minus 3,1 Prozentpunkte gegenüber HLS-GER 2 | Uni Bielefeld, IZGK (2025) |
| Digitale Gesundheitskompetenz (HLS-GER 3) | Verbesserung um 4,7 Prozentpunkte gegenüber HLS-GER 2 | Uni Bielefeld, IZGK (2025) |
| Erhebung HLS-GER 3 | rund 2.650 Erwachsene, Oktober 2024 bis Januar 2025 | Uni Bielefeld, IZGK (2025) |
| Eingeschränkte Gesundheitskompetenz bei Schüler:innen (11, 13, 15 Jahre) | 24,4 Prozent (2017/18: 21,4 Prozent) | RKI, HBSC-Studie 2022, Journal of Health Monitoring 1/2024 |
Auffällig ist die Generationenperspektive: Während sich die Werte der Erwachsenen leicht verbesserten, stieg der Anteil der Schüler:innen mit eingeschränkter Gesundheitskompetenz laut HBSC-Studie 2022 (N gleich 6.475) im Vergleich zu 2017/18 an. Für die Patientenkommunikation bedeutet das, dass weiterhin über die Hälfte der Erwachsenen Mühe hat, Gesundheitsinformationen zu finden, zu verstehen und einzuordnen, und dass jüngere Zielgruppen eigene, altersgerechte Formate brauchen.
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