Digitale Therapeutika liefern evidenzbasierte medizinische Interventionen über Software. In Deutschland sind sie als Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA) erstattungsfähig und werden ärztlich verordnet. Über 50 Anwendungen stehen im DiGA Verzeichnis des BfArM.
Von Burak Uzun, Geschäftsführer der Sanofeld GmbH · Aktualisiert am 12.02.2025
Digital Therapeutics (DTx) bezeichnen Softwareprodukte, die eigenständig oder begleitend therapeutische Interventionen bei Patienten auslösen. Im Unterschied zu Wellness Apps oder Gesundheitstrackern müssen DTx ihren klinischen Nutzen in kontrollierten Studien nachweisen. Die Digital Therapeutics Alliance definiert DTx als evidenzbasierte, klinisch evaluierte Softwareprodukte, die Krankheiten behandeln, managen oder vorbeugen.
Die Trennlinie verläuft entlang der Evidenz. Ein Schrittzähler misst Aktivität, ein DTx verändert klinische Endpunkte. Eine Meditations App fördert Wohlbefinden, ein DTx gegen Depression reduziert den PHQ 9 Score signifikant gegenüber einer Kontrollgruppe. Diese Unterscheidung hat regulatorische Konsequenzen: DTx durchlaufen eine behördliche Prüfung, Lifestyle Apps nicht.
DTx nutzen verhaltenstherapeutische Prinzipien wie kognitive Verhaltenstherapie (KVT), Akzeptanz und Commitmenttherapie (ACT) oder Biofeedback. Sie übersetzen therapeutische Konzepte in interaktive Module, die Patienten eigenständig durcharbeiten. Algorithmen passen den Schwierigkeitsgrad an, erinnern an Übungen und dokumentieren Fortschritte. Einige DTx integrieren Sensordaten von Wearables, etwa zur Schlafmessung bei Insomnie Programmen oder zur Bewegungserfassung bei Rückenschmerz Anwendungen.
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Deutschland hat mit dem Digitale Versorgung Gesetz (DVG) im Dezember 2019 weltweit erstmals einen regulären Erstattungsweg für DTx geschaffen. Seit April 2020 können Hersteller beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) die Aufnahme ins DiGA Verzeichnis beantragen.
Eine DiGA muss als Medizinprodukt der Risikoklasse I oder IIa zertifiziert sein. Sie muss positive Versorgungseffekte nachweisen, entweder als medizinischer Nutzen (Verbesserung des Gesundheitszustands) oder als patientenrelevante Struktur und Verfahrensverbesserung (etwa vereinfachter Zugang zur Versorgung). Hinzu kommen Anforderungen an Datenschutz (Datenverarbeitung in der EU/EWR), Interoperabilität, Barrierefreiheit und Informationssicherheit.
Der Fast Track sieht zwei Stufen vor. Bei vorläufiger Aufnahme hat der Hersteller zwölf Monate Zeit, den Nutzennachweis durch eine laufende Studie zu erbringen. Die Frist kann um weitere zwölf Monate verlängert werden. Scheitert der Nachweis, fällt die DiGA aus dem Verzeichnis. Bei dauerhafter Aufnahme liegen bereits belastbare Studienergebnisse vor.
Stand Anfang 2026 sind über 50 DiGA dauerhaft oder vorläufig im Verzeichnis gelistet. Etwa ein Drittel der vorläufig aufgenommenen Anwendungen schafft den Sprung zur dauerhaften Listung nicht. Die GKV gibt jährlich rund 200 Millionen Euro für DiGA aus, bei steigender Tendenz.
Depression und Angststörungen bilden den größten Indikationsbereich im DiGA Verzeichnis. deprexis, eine der ersten zugelassenen DiGA, basiert auf KVT Modulen und hat seine Wirksamkeit in über 15 klinischen Studien belegt. Eine Metaanalyse im Journal of Medical Internet Research zeigt eine mittlere Effektstärke von d = 0,51 für die Reduktion depressiver Symptome. HelloBetter und Selfapy decken mit ihren Programmen Panikstörung, generalisierte Angststörung und Burnout ab.
Kaia Health kombiniert Bewegungsübungen, Wissensvermittlung und Entspannungstechniken gegen chronische Rückenschmerzen. Die App nutzt die Smartphone Kamera zur Bewegungsanalyse und korrigiert die Ausführung in Echtzeit. Eine randomisierte kontrollierte Studie mit 1.245 Teilnehmern im npj Digital Medicine zeigte eine signifikante Schmerzreduktion nach zwölf Wochen.
Kalmeda bietet eine KVT basierte Tinnitus Therapie, die Betroffene Schritt für Schritt durch ein strukturiertes Programm führt. In einer kontrollierten Studie sank der Tinnitus Handicap Inventory Score signifikant stärker als in der Kontrollgruppe.
Zanadio unterstützt bei Adipositas durch Ernährungsumstellung, Bewegungssteigerung und Verhaltensänderung. Vivira adressiert Arthrose und Rückenschmerzen mit physiotherapeutischen Übungsprogrammen. somnio behandelt Insomnie mit KVT I Modulen. Neue DiGA erschließen zunehmend auch somatische Indikationen wie Diabetes Management, COPD und Migräne.
Sanofeld ist eine Healthcare Agentur für Omnichannel Marketing, RX & OTC, Social Media und Paid Marketing.
Ärzte und Psychotherapeuten verordnen DiGA auf einem Kassenrezept (Muster 16). Alternativ können Versicherte bei ihrer Krankenkasse eine DiGA auch ohne Verordnung beantragen, wenn sie eine entsprechende Diagnose nachweisen. Die Krankenkasse stellt einen Freischaltcode aus, mit dem der Patient die Anwendung aktiviert. Die Nutzungsdauer beträgt in der Regel 90 Tage.
Im ersten Jahr nach Aufnahme ins DiGA Verzeichnis setzt der Hersteller den Preis frei. Danach verhandelt er mit dem GKV Spitzenverband einen Erstattungsbetrag. Die durchschnittlichen Preise liegen zwischen 200 und 750 Euro pro Quartal. Der GKV Spitzenverband hat die Preisverhandlungen zunehmend verschärft und erreicht Abschläge von teilweise über 50 Prozent gegenüber den ursprünglichen Herstellerpreisen.
Die Verordnungszahlen steigen kontinuierlich, bleiben aber hinter den Erwartungen zurück. Viele Ärzte kennen das DiGA Verzeichnis nicht oder sind skeptisch gegenüber der Evidenzlage. Die GKV berichtet von rund 500.000 eingelösten Freischaltcodes seit Einführung des Verfahrens. Etwa 60 Prozent der Verordnungen entfallen auf psychische Erkrankungen, 25 Prozent auf muskuloskelettale Beschwerden.
Mit der DiGA Verordnung Reform 2024 hat das BMG die Anforderungen an den Evidenznachweis verschärft. Studien müssen einen medizinischen Nutzen belegen, reine Struktur und Verfahrensverbesserungen genügen für eine dauerhafte Aufnahme nicht mehr. Zudem gelten strengere Anforderungen an die Datenverarbeitung.
DTx Studien stehen vor einem methodischen Grundproblem: Eine echte Verblindung ist kaum möglich. Der Patient weiß, ob er eine therapeutische App nutzt oder nicht. Wartelisten Kontrollgruppen überschätzen den Effekt, Schein App Kontrollen sind aufwendig und ethisch umstritten. Die wissenschaftliche Gemeinschaft diskutiert, welche Evidenzstandards für DTx angemessen sind, ohne die Hürden so hoch zu setzen, dass neue Anwendungen den Markt nicht mehr erreichen.
Digitale Therapeutika erfordern aktive Mitarbeit der Patienten über Wochen hinweg. Die Abbruchraten sind hoch: Studien zeigen, dass nur 30 bis 50 Prozent der Nutzer eine DiGA über den vollen Verordnungszeitraum von 90 Tagen nutzen. Gamification Elemente, Reminder und die Einbindung von Behandlern sollen die Adhärenz verbessern.
Die meisten DiGA funktionieren als Insellösungen ohne Anbindung an Praxisverwaltungssysteme oder die elektronische Patientenakte. Behandler erhalten keinen automatischen Rückfluss der Therapiedaten. Die ISiK Spezifikationen und die MIO Festlegungen der KBV sollen hier Abhilfe schaffen, sind aber noch nicht flächendeckend implementiert.
DiGA verarbeiten hochsensible Gesundheitsdaten. Die BfArM Prüfung umfasst Datenschutz und Informationssicherheitsanforderungen nach dem BSI Standard. Dennoch hat die Sicherheitsforschung wiederholt Schwachstellen in DiGA aufgedeckt, darunter unverschlüsselte Datenübertragungen und fehlende Zwei Faktor Authentifizierung.
Der DTx Markt wächst, doch für Hersteller endet die Arbeit nicht mit der Entwicklung. Die Vermarktung digitaler Therapeutika erfordert eine Kommunikationsstrategie, die Ärzte, Patienten und Kostenträger gleichermaßen adressiert.
Ärzte verordnen DiGA nur, wenn sie den klinischen Nutzen verstehen und der Evidenz vertrauen. Studienergebnisse müssen praxisnah aufbereitet werden. Erfahrungsberichte von Kollegen, Fortbildungen und die Integration in Behandlungsleitlinien steigern die Verordnungsbereitschaft.
Patienten suchen zunehmend eigenständig nach digitalen Therapiemöglichkeiten. Suchmaschinenoptimierte Informationsseiten, Gesundheitsportale und Social Media Kanäle erreichen diese Zielgruppe. Die Kommunikation muss den regulatorischen Rahmen des Heilmittelwerbegesetzes beachten.
Sanofeld unterstützt als Healthcare Agentur DTx Hersteller bei der Entwicklung von Kommunikationsstrategien, Medical Writing und der Positionierung gegenüber Verordnern, Patienten und Kostenträgern.
Siehe auch: Digital Health · KI Medizin · E Rezept · Telemedizin · GEO · Regulatory Affairs
Fünf Jahre nach dem Start des Fast-Track-Verfahrens liegen belastbare Versorgungs- und Ausgabendaten vor. Der DiGA-Bericht des GKV-Spitzenverbandes und der jährliche DiGA-Report zeichnen ein Bild aus wachsender Nutzung, steigenden Kosten und einer anhaltenden Debatte über die Evidenz. Die folgenden Werte stammen aus den amtlichen Berichten der Kostenträger und des BfArM.
| Kennzahl | Wert | Quelle (Stand) |
|---|---|---|
| Gelistete DiGA im Verzeichnis | 58, davon 48 dauerhaft und 10 vorläufig | DiGA-Report (31.12.2025) |
| Eingelöste Freischaltcodes (kumuliert) | 1,6 Millionen | DiGA-Report (31.12.2025) |
| Verordnete DiGA seit Verfahrensstart | rund 861.000 | GKV-SV DiGA-Bericht 2024 (Sept 2020 bis Dez 2024) |
| GKV-Ausgaben für DiGA 2024 | rund 234 Millionen Euro | GKV-SV DiGA-Bericht 2024 (02.04.2025) |
| GKV-Ausgaben kumuliert seit 2020 | rund 400 Millionen Euro | GKV-SV DiGA-Bericht 2024 (02.04.2025) |
| Durchschnittlicher Herstellerpreis | von 411 auf 541 Euro gestiegen | GKV-SV DiGA-Bericht 2024 (02.04.2025) |
| DiGA mit nachgewiesenem Nutzen bei Markteintritt | 12 von 68 (18 Prozent) | GKV-SV DiGA-Bericht 2024 (02.04.2025) |
Die Verteilung der Verordnungen hat sich verschoben. Zum Jahresende 2025 entfielen 34,2 Prozent der Anwendungen auf Stoffwechselerkrankungen, 28,3 Prozent auf psychische Erkrankungen und 13,2 Prozent auf muskuloskelettale Beschwerden. Damit haben somatische Indikationen wie Diabetes und Adipositas das lange dominierende Feld der psychischen Erkrankungen bei den Verordnungszahlen überholt (DiGA-Report, Stand 31.12.2025).
Mit dem Digital-Gesetz (DigiG) von 2024 wurde der Leistungsanspruch auf DiGA der höheren Risikoklasse IIb ausgeweitet. Diese müssen ihren positiven Versorgungseffekt bereits bei Aufnahme belegen und sind vom Erprobungsweg ausgenommen. Nach dem geänderten §134 SGB V müssen die Vergütungsbeträge zudem einen erfolgsabhängigen Preisbestandteil von mindestens 20 Prozent enthalten. Ab 2026 wird für gelistete DiGA eine anwendungsbegleitende Erfolgsmessung verpflichtend, deren Ergebnisse das BfArM im Verzeichnis veröffentlicht.
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