Die elektronische Gesundheitskarte ist der physische Zugang zur Telematikinfrastruktur des deutschen Gesundheitswesens. Über 73 Millionen gesetzlich Versicherte tragen sie im Portemonnaie. Was als einfacher Versicherungsnachweis begann, entwickelt sich zum Schlüssel für E Rezept, Notfalldaten und elektronische Patientenakte.
Von Burak Uzun, Geschäftsführer der Sanofeld GmbH · Aktualisiert am 06.02.2025
Die elektronische Gesundheitskarte löste zum 1. Januar 2015 die alte Krankenversichertenkarte (KVK) endgültig ab. Die KVK war seit 1995 im Einsatz, speicherte aber lediglich Versichertenstammdaten auf einem einfachen Speicherchip ohne Verschlüsselung und ohne Lichtbild.
Bereits das GKV Modernisierungsgesetz (GMG) von 2004 sah die Einführung der eGK vor. Die technische Umsetzung zog sich über ein Jahrzehnt. Gründe waren die Komplexität der Sicherheitsarchitektur, Widerstände aus der Ärzteschaft und wiederholte Verzögerungen beim Aufbau der Telematikinfrastruktur (TI). Die gematik, 2005 als Gesellschaft der Spitzenorganisationen des Gesundheitswesens gegründet, koordiniert Spezifikation und Zulassung der Kartengeneration.
Die erste Generation (G1) verfügte über einen kontaktbehafteten Chip und ein Lichtbild. Die zweite Generation (G2) brachte eine verbesserte Kryptografie. Die aktuelle Generation (G2.1) unterstützt NFC (Near Field Communication) und ermöglicht damit das kontaktlose Einlesen in Arztpraxen und Apotheken. Diese Funktion ist Voraussetzung für das kontaktlose E Rezept Einlösen: Der Versicherte hält die Karte an das Lesegerät, die Apotheke ruft das Rezept aus dem Fachdienst ab.
Die eGK enthält einen Mikroprozessorchip, der kryptografische Operationen durchführt. Zwei asymmetrische Schlüsselpaare sichern die Kommunikation: eines für die Authentifizierung gegenüber der TI, eines für die Verschlüsselung medizinischer Daten. Die Schlüssel sind in einem manipulationssicheren Bereich des Chips gespeichert und verlassen diesen nie. Die Zertifikate werden von der gematik PKI (Public Key Infrastructure) ausgestellt.
Auf der eGK selbst sind gespeichert: Name, Geburtsdatum, Anschrift, Krankenversichertennummer, Versichertenstatus und Zuzahlungsstatus. Medizinische Daten wie Notfalldaten oder der elektronische Medikationsplan liegen nicht auf der Karte selbst, sondern auf den Fachdiensten der TI. Die Karte dient als Authentifizierungsmedium, um auf diese Daten zuzugreifen.
Die TI ist das sichere Kommunikationsnetz des deutschen Gesundheitswesens. Sie verbindet Arztpraxen, Krankenhäuser, Apotheken und Krankenkassen über VPN Zugangsdienste. Der Konnektor in der Praxis stellt die verschlüsselte Verbindung her. Über die TI laufen Versichertenstammdatenmanagement (VSDM), E Rezept, Kommunikation im Medizinwesen (KIM) und der Zugriff auf die elektronische Patientenakte.
Sanofeld ist eine Healthcare Agentur für Omnichannel Marketing, RX & OTC, Social Media und Paid Marketing.
Beim VSDM gleicht die Praxis die auf der eGK gespeicherten Versichertenstammdaten mit dem Datenbestand der Krankenkasse ab. Dieser Online Abgleich erkennt ungültige Karten, aktualisiert Adressdaten und prüft den Versicherungsschutz. Seit 2019 ist das VSDM für alle Vertragsärzte verpflichtend. Ab 2025 löst VSDM 2.0 den bisherigen Prozess ab und läuft ohne Konnektor über die TI 2.0 Infrastruktur.
Auf freiwilliger Basis können Versicherte Notfalldaten hinterlegen: Diagnosen, Allergien, Medikation, Implantate und Kontaktpersonen. Im Notfall liest der Rettungsdienst oder die Notaufnahme diese Daten kontaktlos von der eGK aus, ohne dass der Patient eine PIN eingeben muss. Die Nutzung bleibt bisher hinter den Erwartungen zurück, unter anderem weil die Anlage der Daten in der Praxis zeitaufwendig ist und nicht gesondert vergütet wird.
Der eMP enthält alle vom Patienten eingenommenen Arzneimittel, einschließlich Selbstmedikation. Er wird auf den TI Fachdiensten gespeichert und ist für Ärzte und Apotheker einsehbar. Der eMP soll Wechselwirkungen und Doppelverordnungen verhindern, ein relevantes Problem bei polymedikamentierten Patienten. Etwa 40 Prozent der über 65 Jährigen nehmen fünf oder mehr Wirkstoffe gleichzeitig ein.
Die gematik GmbH spezifiziert, testet und lässt alle Komponenten der TI zu, von der eGK über Konnektoren bis zu den Fachdiensten. Seit 2019 hält das Bundesministerium für Gesundheit 51 Prozent der Gesellschaftsanteile und damit die Mehrheit. Die übrigen Anteile verteilen sich auf GKV Spitzenverband, KBV, KZBV, DKG, DAV und weitere Spitzenorganisationen.
Die Telematikinfrastruktur 2.0 baut die bestehende Architektur technisch um. Der hardware basierte Konnektor wird durch eine Software Lösung (TI Gateway) ersetzt. Die Authentifizierung soll zunehmend über die GesundheitsID (digitale Identität) statt über die physische Karte erfolgen. Die GesundheitsID nutzt das eID Verfahren des Personalausweises oder ein App basiertes Identifizierungsverfahren.
Langfristig könnte die physische eGK an Bedeutung verlieren. Für die Übergangszeit bleibt sie jedoch das zentrale Zugangsmedium, insbesondere für Versicherte ohne Smartphone oder mit geringer digitaler Gesundheitskompetenz.
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Die Rückseite der eGK trägt die European Health Insurance Card (EHIC). Sie berechtigt zur medizinischen Versorgung im EU Ausland und in Staaten des Europäischen Wirtschaftsraums. Die Abrechnung erfolgt zwischen den Krankenkassen über nationale Verbindungsstellen.
Der European Health Data Space (EHDS) wird die grenzüberschreitende Nutzung von Gesundheitsdaten in der EU regeln. Patientenkurzakten (Patient Summaries) und E Rezepte sollen EU weit austauschbar werden. Deutschland beteiligt sich am Aufbau der MyHealth@EU Infrastruktur, über die diese Daten fließen sollen. Die eGK beziehungsweise ihre Nachfolgerin wird dabei als nationales Identifizierungsmedium dienen.
Die eGK und die TI stehen seit ihrer Einführung in der Kritik. Die Kosten des Gesamtprojekts übersteigen nach Schätzungen des Bundesrechnungshofs mehrere Milliarden Euro. Niedergelassene Ärzte beklagen den Installationsaufwand der Konnektoren, Sicherheitslücken in der Firmware und den Aufwand für Kartentausch bei defekten oder abgelaufenen Karten.
Die Sicherheitsarchitektur wurde wiederholt von IT Sicherheitsforschern überprüft. Der Chaos Computer Club identifizierte 2019 Schwachstellen im Kartenbestellprozess, über die sich Unbefugte eGK Karten auf fremde Namen ausstellen lassen konnten. Die gematik hat den Prozess nachgebessert.
Für Patienten bleibt die Nutzung der erweiterten Funktionen (NFDM, eMP) weitgehend unsichtbar. Viele Versicherte wissen nicht, welche Möglichkeiten ihre Karte bietet. Hier setzen Gesundheitsinformation und Aufklärungskampagnen der Krankenkassen an.
Rund um eGK und Telematikinfrastruktur besteht hoher Informationsbedarf: bei Praxen und Kliniken, bei Versicherten und bei Unternehmen, die TI-Produkte herstellen oder vertreiben.
Sanofeld unterstützt als Healthcare Agentur Unternehmen im TI Ökosystem bei der Kommunikation und Vermarktung digitaler Gesundheitslösungen.
Siehe auch: Elektronische Patientenakte · E Rezept · Digital Health · Patientendaten · Gesundheits Apps · Medical Writing
Die Rolle der eGK verschiebt sich seit 2024 spürbar. Das Digital-Gesetz und der Start der elektronischen Patientenakte für alle haben die physische Karte vom alleinigen Zugangsmedium zu einem von mehreren Authentifizierungswegen gemacht. Bezugsgröße bleibt die gesetzliche Krankenversicherung: 2025 waren im Jahresdurchschnitt rund 74,5 Millionen Menschen gesetzlich versichert, das entspricht etwa 89 Prozent der Bevölkerung. Jede dieser Personen besitzt eine eGK.
| Datum | Maßnahme | Quelle |
|---|---|---|
| 26.03.2024 | Inkrafttreten des Digital-Gesetzes (DigiG), das ePA-Opt-out und Telematik-Modernisierung regelt | BMG / Wikipedia (Art. 9 G vom 22.03.2024), 2024 |
| 01.01.2024 | Krankenkassen müssen Versicherten auf Wunsch eine GesundheitsID als digitale Identität bereitstellen | gematik / BMG, 2024 |
| 29.04.2025 | Start des bundesweiten Rollouts der ePA für alle, zunächst freiwillig für Leistungserbringer | gematik, 2025 |
| 01.10.2025 | Verpflichtende Nutzung und Befüllung der ePA durch Praxen, Apotheken und Kliniken | gematik / KBV, 2025 |
| 2025 | Rund 74,5 Mio. gesetzlich Versicherte (ca. 58,7 Mio. zahlende Mitglieder, 15,8 Mio. beitragsfrei Mitversicherte) | Statista / GKV-SV, 2025 |
Für die Praxis bedeutet das eine Doppelstruktur: Die eGK bleibt das verbreitetste Zugangsmedium, während die GesundheitsID denselben Zugang ohne Karte über Smartphone-App ermöglicht. Solange ein großer Teil der Versicherten keine digitale Identität aktiviert hat, bleibt die Karte unverzichtbar, etwa beim Arztbesuch ohne eingerichtete App.
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