Digital Health in Deutschland

Seit dem Digitale Versorgung Gesetz (DVG) von 2019 hat sich Digital Health in Deutschland vom Schlagwort zur klinischen Realität entwickelt. Über 60 DiGA sind zugelassen, die elektronische Patientenakte erreicht Millionen Versicherte und Telemedizin ist fester Bestandteil der Regelversorgung.

Von Burak Uzun, Geschäftsführer der Sanofeld GmbH · Aktualisiert am 12.02.2025

Gesetzliche Grundlagen der digitalen Transformation

Die digitale Transformation des deutschen Gesundheitswesens folgt einem dichten regulatorischen Fahrplan. Den Startschuss gab das E Health Gesetz von 2015, das die Telematikinfrastruktur (TI) als verpflichtendes Netzwerk für alle Leistungserbringer verankerte. Mit dem Digitale Versorgung Gesetz (DVG) vom Dezember 2019 wurden erstmals digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA) als erstattungsfähige Medizinprodukte in die Regelversorgung aufgenommen. Deutschland war damit weltweit das erste Land mit einem strukturierten Zulassungs und Erstattungspfad für Gesundheits Apps auf Rezept.

DiGA: Apps auf Rezept in der Praxis

Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) führt das DiGA Verzeichnis, in dem bis Anfang 2026 über 60 dauerhaft gelistete Anwendungen stehen. Darunter befinden sich Produkte gegen Tinnitus (Kalmeda), Adipositas (zanadio), Rückenschmerzen (Kaia) und psychische Erkrankungen (deprexis). Die Verordnungszahlen stiegen von rund 50.000 im Jahr 2021 auf über 380.000 im Jahr 2024. Trotzdem bleibt die Evidenzlage heterogen: Eine Analyse des Bundesgesundheitsministeriums zeigte 2024, dass etwa ein Drittel der vorläufig gelisteten DiGA den geforderten Nutzennachweis innerhalb der Erprobungsphase nicht erbringen konnte.

KHZG und Digitalisierung der Kliniken

Mit dem Krankenhauszukunftsgesetz (KHZG) stellte der Bund ab 2021 insgesamt 4,3 Milliarden Euro für die Digitalisierung stationärer Einrichtungen bereit. Die Fördertatbestände umfassen unter anderem Patientenportale, digitale Medikationsmanagement Systeme, Telemedizin Infrastruktur und IT Sicherheit. Bis Ende 2025 hatten rund 1.800 Krankenhäuser Förderbescheide erhalten. Das Gesetz zur Beschleunigung der Digitalisierung des Gesundheitswesens (Digital Gesetz, DigiG) von 2024 ergänzte den Rahmen um die verpflichtende Einführung der elektronischen Patientenakte und digitale Identitäten für Versicherte.

Für Healthcare Marketing Entscheider bedeutet dieser regulatorische Rahmen: Jede digitale Lösung im Gesundheitsmarkt muss sich an DVG, DigiG, Medizinprodukterecht und Datenschutzgrundverordnung messen lassen. Wer DiGA oder ähnliche Produkte vermarktet, braucht neben medizinischer Evidenz auch regulatorische Kompetenz.

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Elektronische Patientenakte und E Rezept

Die elektronische Patientenakte (ePA) ist das zentrale Infrastrukturprojekt der deutschen Digital Health Strategie. Nach einem schleppenden Start mit der Opt in Variante ab Januar 2021 hat das Digital Gesetz (DigiG) den entscheidenden Kurswechsel vollzogen: Seit Januar 2025 gilt das Opt out Prinzip. Jeder gesetzlich Versicherte erhält automatisch eine ePA, sofern kein Widerspruch erfolgt. Die gematik als nationale Agentur für digitale Medizin koordiniert die technische Umsetzung und den Betrieb der Telematikinfrastruktur.

Technische Architektur der TI

Die Telematikinfrastruktur verbindet über 200.000 Arztpraxen, Apotheken, Krankenhäuser und weitere Leistungserbringer in einem abgesicherten Netzwerk. Die Anbindung erfolgt über Konnektoren, die als Hardware Sicherheitsmodule fungieren. Mit der TI 2.0 plant die gematik den Umstieg auf eine softwarebasierte Architektur, die flexibler und kosteneffizienter ist. Gesundheits ID und föderiertes Identitätsmanagement sollen den Zugang ohne physische Gesundheitskarte ermöglichen.

E Rezept: Vom Pilotprojekt zum Standard

Das E Rezept wurde nach einer mehrjährigen Pilotphase am 1. Januar 2024 verpflichtend für alle vertragsärztlichen Verordnungen verschreibungspflichtiger Arzneimittel eingeführt. Innerhalb der ersten zwölf Monate wurden über 600 Millionen E Rezepte eingelöst. Der technische Ablauf läuft über den E Rezept Fachdienst der gematik: Das Rezept wird in der Praxissoftware erstellt, verschlüsselt auf dem Fachdienst abgelegt und kann per elektronischer Gesundheitskarte, App oder Ausdruck in der Apotheke eingelöst werden.

Medizinische Informationsobjekte

Neben Verordnungsdaten transportiert die ePA strukturierte medizinische Informationsobjekte (MIOs), die vom mio42 Institut der Kassenärztlichen Bundesvereinigung definiert werden. Impfpass, Zahnbonusheft, Mutterpass und das Untersuchungsheft für Kinder liegen bereits als digitale MIOs vor. Laborbefunde, Arztbriefe und Befundberichte folgen schrittweise. Für die Pharma Industrie eröffnet die ePA langfristig neue Möglichkeiten der Versorgungsforschung, sofern Patienten ihre Daten für Forschungszwecke freigeben.

Telemedizin und Fernbehandlung

Die Telemedizin wurde in Deutschland erst durch eine Reihe berufsrechtlicher Lockerungen praktisch möglich. Das ursprüngliche Fernbehandlungsverbot, verankert in § 7 Abs. 4 der Musterberufsordnung für Ärzte, wurde auf dem 121. Deutschen Ärztetag 2018 in Erfurt gelockert. Seitdem dürfen Ärzte Patienten auch ausschließlich über Kommunikationsmedien behandeln, wenn dies ärztlich vertretbar ist und die erforderliche ärztliche Sorgfalt gewahrt bleibt. Die landesrechtliche Umsetzung erfolgte bis 2022 in allen 17 Landesärztekammern.

COVID 19 als Katalysator

Die Pandemie ab März 2020 beschleunigte die Verbreitung deutlich. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung hob die Mengenbegrenzung für Videosprechstunden vorübergehend auf. Die Nutzung stieg laut Zi Praxis Panel von unter 2 Prozent der Arzt Patienten Kontakte vor der Pandemie auf über 30 Prozent im April 2020. Nach dem Abklingen der akuten Phase stabilisierte sich die Nutzung bei rund 5 bis 8 Prozent aller ambulanten Kontakte, ein Vielfaches des Vorpandemie Niveaus.

Anwendungsbereiche und Evidenz

In der Dermatologie zeigen Studien vergleichbare diagnostische Genauigkeit bei teledermatologischen Konsultationen wie bei Präsenzuntersuchungen, insbesondere bei Verdachtsdiagnosen wie Psoriasis oder Ekzemen. In der Psychiatrie und Psychotherapie belegt eine Metaanalyse im Journal of Medical Internet Research (2022, n = 12.537), dass videobasierte kognitive Verhaltenstherapie bei Depressionen und Angststörungen gleichwertige Outcomes erzielt wie Präsenzsitzungen.

Im ländlichen Raum adressiert Telemedizin den Ärztemangel direkt. Projekte wie das Virtuelle Krankenhaus Nordrhein Westfalen ermöglichen Intensivmedizinern in Universitätskliniken, Kollegen in kleineren Häusern per Teleintensivmedizin zu unterstützen. Die Charité Berlin betreibt mit dem CCC (Charité Comprehensive Cancer Center) telemedizinische Tumorboards, an denen externe Kliniken teilnehmen.

Regulatorische Rahmenbedingungen

Die Vergütung telemedizinischer Leistungen erfolgt über den Einheitlichen Bewertungsmaßstab (EBM). Relevante Ziffern sind unter anderem die GOP 01450 und 01451 für die Videosprechstunde sowie spezifische Telekonsil Ziffern. Seit 2024 gilt für zertifizierte Videodienstanbieter die Anforderung der gematik Zertifizierung nach § 365 SGB V.

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Künstliche Intelligenz und Gesundheitsdaten

Künstliche Intelligenz (KI) hält in der medizinischen Diagnostik und der Therapieplanung zunehmend Einzug, etwa in der Bildgebung und bei der Auswertung von Versorgungsdaten. In der Radiologie erreichen KI Algorithmen bei der Erkennung von Lungenrundherden in CT Aufnahmen bereits eine Sensitivität von über 95 Prozent und übertreffen damit in Screeningszenarien die durchschnittliche Befundungsgenauigkeit einzelner Radiologen. Am Universitätsklinikum Heidelberg identifiziert ein KI System Hautkrebs mit einer Genauigkeit, die in Vergleichsstudien (Esteva et al., Nature 2017; Haenssle et al., Annals of Oncology 2018) auf dem Niveau erfahrener Dermatologen liegt.

Regulierung von KI Medizinprodukten

KI basierte Software fällt unter die EU Medizinprodukteverordnung (MDR 2017/745). Die Klassifizierung hängt vom Verwendungszweck ab: Entscheidungsunterstützende Systeme werden häufig als Klasse IIa, autonome Diagnosesysteme als Klasse IIb oder III eingestuft. Die EU KI Verordnung (AI Act), die seit August 2024 schrittweise in Kraft tritt, stuft KI Systeme im Gesundheitsbereich als Hochrisiko Anwendungen ein. Daraus resultieren strenge Anforderungen an Transparenz, Datenqualität, menschliche Aufsicht und Risikomanagement.

Gesundheitsdatennutzungsgesetz

Das Gesundheitsdatennutzungsgesetz (GDNG) von 2024 schafft erstmals einen rechtlichen Rahmen für die sekundäre Nutzung von Gesundheitsdaten in Deutschland. Es ermöglicht die Verknüpfung pseudonymisierter Abrechnungsdaten der Krankenkassen mit klinischen Registern und Forschungsdatenbanken. Das Forschungsdatenzentrum Gesundheit (FDZ) beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte fungiert als zentrale Zugangsstelle. Auf europäischer Ebene ergänzt der European Health Data Space (EHDS) diesen Ansatz durch grenzüberschreitende Datennutzungsregeln.

Klinische Entscheidungsunterstützung

Clinical Decision Support Systeme (CDSS) analysieren Patientendaten in Echtzeit und warnen vor Arzneimittelinteraktionen, Dosierungsfehlern oder kritischen Laborwertveränderungen. Am Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf reduzierte ein KI gestütztes Sepsis Frühwarnsystem die Mortalität bei Risikopatienten in einer Pilotstudie um 12 Prozent. Solche Systeme setzen allerdings eine hohe Datenqualität und standardisierte Dokumentation voraus, beides Baustellen, an denen das deutsche Gesundheitswesen noch arbeitet.

Für die Vermarktung von KI in der Medizin gelten dabei besondere Regeln: Die Bewerbung muss sich streng an zugelassene Zweckbestimmungen halten, und Performance Claims müssen durch klinische Evidenz belegt sein.

Digital Health Marketing mit Sanofeld

Der Digital Health Markt in Deutschland wächst nach Prognosen von Statista auf über 20 Milliarden Euro Umsatz bis 2027. Für Unternehmen in diesem Segment gelten besondere Anforderungen an Kommunikation und Vermarktung: Das Heilmittelwerbegesetz (HWG), die Health Claims Verordnung und die MDR setzen enge Grenzen. Gleichzeitig erwarten Ärzte, Kliniken und Patienten fundierte, evidenzbasierte Informationen statt werblicher Superlative.

Warum Digital Health Unternehmen spezialisiertes Marketing brauchen

  • Regulatorische Komplexität: DiGA Hersteller dürfen nur mit nachgewiesenen positiven Versorgungseffekten werben. Medical Writing muss wissenschaftliche Evidenz und Werberecht verbinden.
  • Mehrstufige Zielgruppen: Die Verordnung läuft über Ärzte, die Nutzung über Patienten. Healthcare Marketing muss beide Gruppen mit unterschiedlichen Botschaften erreichen.
  • SEO für Fachthemen: Wer bei Suchbegriffen wie Digital Health, DiGA oder Telemedizin sichtbar sein will, braucht fachlich tiefe Inhalte und eine durchdachte Content Marketing Strategie.
  • Vertrauensaufbau: In einem Markt, in dem Datenschutzbedenken die Adoption bremsen, ist glaubwürdige Kommunikation entscheidend.

Sanofeld unterstützt als spezialisierte Healthcare Agentur Digital Health Unternehmen, Medizintechnik Hersteller und Pharma Unternehmen bei der datengetriebenen Vermarktung digitaler Gesundheitslösungen. Von SEO über Healthcare Advertising bis zur wissenschaftlichen Kommunikation.

Siehe auch: Gesundheits Apps | Telemedizin | KI in der Medizin · GEO · Social Media

Aktuelle Kennzahlen 2025/2026

Die Berichte von gematik und GKV-Spitzenverband aus dem Frühjahr 2026 zeichnen ein konkretes Bild des Roll-outs. Die folgenden Zahlen ergänzen die oben beschriebenen Gesetze um Nutzungs- und Ausgabendaten, die für die Marktbewertung digitaler Gesundheitslösungen relevant sind.

KennzahlWertQuelle / Jahr
Bundesweiter Start der ePA für alle29. April 2025gematik 2026
Von Krankenkassen angelegte ePArund 73 Millionengematik, 15.04.2026
In der ePA hinterlegte Dokumente (nach einem Jahr)über 100 Millionengematik, 15.04.2026
Praxen mit wöchentlichem ePA-Zugriffbis zu 93.000gematik, 15.04.2026
Angelegte GesundheitsID5,1 Millionengematik, 15.04.2026
Eingelöste E-Rezepte (Meilenstein)1 Milliarde am 17.10.2025gematik 2025
Abgegebene DiGA seit September 2020rund 1,6 MillionenGKV-SV DiGA-Bericht, 08.04.2026
DiGA-Ausgaben der GKV seit 2020rund 400 Millionen EuroGKV-SV DiGA-Bericht, 08.04.2026
Durchschnittlicher Herstellerpreis je DiGA (Erstjahr)544 EuroGKV-SV DiGA-Bericht, 08.04.2026
Durchschnittlicher verhandelter Vergütungsbetrag227 EuroGKV-SV DiGA-Bericht, 08.04.2026

Auffällig ist die Lücke zwischen dem frei gesetzten Herstellerpreis im ersten Jahr (544 Euro) und dem später verhandelten Vergütungsbetrag (227 Euro). Der GKV-Spitzenverband leitet daraus Steuerungsbedarf bei Preisen und Nutzennachweis ab. Auf Nutzerseite zeigt die Bitkom-Befragung von 2024, dass 69 Prozent der Smartphone-Nutzer mindestens eine Gesundheits-App verwenden und 27 Prozent bereits eine Videosprechstunde wahrgenommen haben. Digital Health ist in Deutschland damit weniger eine Frage der Akzeptanz als der Versorgungsintegration und der belastbaren Evidenz.

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