Die Krankenhausreform (KHVVG) ist der tiefgreifendste Umbau der stationären Versorgung seit Einführung der DRG Fallpauschalen 2003. Vorhaltevergütung statt reiner Mengenfinanzierung, 65 Leistungsgruppen und ein Level System sollen Qualität über Quantität stellen.
Von Burak Uzun, Geschäftsführer der Sanofeld GmbH · Aktualisiert am 12.02.2025
Das DRG System vergütet Krankenhäuser nach Fallpauschalen: Pro Fall eine feste Summe, unabhängig von der Vorhaltung. Dieses System setzt ökonomische Anreize für Mengenausweitung: Mehr Fälle bedeuten mehr Erlöse. Die Folge: Krankenhäuser operieren häufiger als medizinisch nötig, investieren in lukrative Fachbereiche und vernachlässigen die Grundversorgung. Die Regierungskommission für eine moderne und bedarfsgerechte Krankenhausversorgung unter Leitung von Tom Brokmann und Christian Karagiannidis dokumentierte diese Fehlsteuerungen.
Deutschland hat eine der höchsten Krankenhausdichten Europas, aber nicht in den richtigen Bereichen. Zu viele kleine Kliniken führen komplexe Eingriffe mit niedrigen Fallzahlen durch, während in ländlichen Regionen die Grundversorgung gefährdet ist. Studien belegen: Krankenhäuser mit höheren Fallzahlen bei komplexen Eingriffen erzielen bessere Behandlungsergebnisse.
Das Krankenhausversorgungsverbesserungsgesetz (KHVVG) wurde im Oktober 2024 vom Bundestag beschlossen und im November 2024 vom Bundesrat gebilligt.
60 Prozent der Krankenhausvergütung werden künftig als Vorhaltepauschale gezahlt, unabhängig von der tatsächlichen Fallzahl. 40 Prozent bleiben leistungsabhängig. Die Vorhaltevergütung honoriert die Bereitschaft, Personal, Infrastruktur und Notfallkapazitäten vorzuhalten. Damit sinkt der ökonomische Druck zur Mengenausweitung.
Statt einzelner DRG Codes organisiert das KHVVG die Krankenhausversorgung in 65 Leistungsgruppen (z.B. Allgemeine Chirurgie, Kardiologie, Geburtshilfe, Stroke Unit). Jede Leistungsgruppe definiert Qualitätskriterien: Mindestpersonalausstattung, apparative Ausstattung, Erreichbarkeit komplementärer Fachabteilungen und Mindestfallzahlen.
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Die 65 Leistungsgruppen sind hierarchisch geordnet. Basisleistungen (Innere Medizin, Allgemeinchirurgie) können auch kleinere Häuser erbringen. Spezialisierte Leistungsgruppen (Herzchirurgie, Transplantation, Schwerverbranntenzentren) erfordern aufwendige Infrastruktur und hohe Fallzahlen. Die Zuordnung erfolgt durch die Bundesländer auf Basis der Qualitätskriterien.
Krankenhäuser, die die Qualitätskriterien einer Leistungsgruppe nicht erfüllen, dürfen die entsprechenden Leistungen nicht mehr erbringen. Das soll zu einer Konzentration führen: Komplexe Eingriffe an weniger, dafür besser ausgestatteten Standorten. Die praktische Umsetzung erfordert Landesgesetze, Übergangsfristen und politische Kompromisse.
Die Berechnung der Vorhaltevergütung basiert auf historischen Leistungsvolumina, bereinigt um Mengenausweitungen. Ein Konvergenzpfad über mehrere Jahre soll den Übergang vom alten zum neuen System abfedern. Budgetneutralität bedeutet: Die Gesamtsumme der Krankenhausvergütung ändert sich nicht, aber die Verteilung zwischen den Häusern verschiebt sich. Häuser mit hoher Qualität und breiter Vorhaltung profitieren, Häuser mit reiner Mengenorientierung verlieren.
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Das KHVVG führt ein dreistufiges Level System ein:
Level Ii (Grundversorgung integriert): Sektorenübergreifende Versorgungseinrichtungen, die ambulante und stationäre Leistungen kombinieren. Sie ersetzen kleine Krankenhäuser ohne Notfallversorgung durch hybride Modelle.
Level Iin (Grundversorgung Notfall): Krankenhäuser der Basisversorgung mit Notaufnahme. Sie erbringen Leistungsgruppen der Grundversorgung (Innere, Chirurgie, Geburtshilfe).
Level II (Schwerpunktversorgung): Häuser mit spezialisiertem Leistungsspektrum und umfassender Notfallversorgung.
Level III (Maximalversorgung): Universitätsklinika und Maximalversorger mit Transplantationszentren, Comprehensive Cancer Centers und Traumazentren.
Prognosen gehen davon aus, dass 400 bis 700 der rund 1.700 Krankenhäuser in ihrer heutigen Form nicht bestehen bleiben. Drei Szenarien: Umwandlung in Level Ii Einrichtungen (ambulant stationäre Zentren), Fusion mit benachbarten Häusern oder Schließung. Die Konsolidierung trifft vor allem kleine Häuser im ländlichen Raum und in überversorgten Ballungsgebieten.
Die Ambulantisierung bisher stationärer Leistungen (erweiterter AOP-Katalog, Hybrid-DRG) verlagert Eingriffe aus dem stationären in den tagesklinischen und ambulanten Bereich. Patienten, die bisher eine Nacht im Krankenhaus blieben, werden zunehmend tagesklinisch oder ambulant versorgt. Die Gewerkschaft ver.di und Patientenorganisationen warnen vor Versorgungslücken, insbesondere in ländlichen Regionen.
Die Reform wird schrittweise umgesetzt. Der Bund legt die Leistungsgruppen und Qualitätskriterien fest. Die Länder müssen innerhalb von 36 Monaten Umsetzungsgesetze erlassen und die Leistungsgruppen den Krankenhäusern zuweisen. Die Vorhaltevergütung wird über einen Konvergenzpfad bis 2029 vollständig eingeführt. Übergangsfinanzierungen und Transformationsfonds sollen den Umbau begleiten.
Politisch bleibt die Reform umstritten. Einige Bundesländer kritisieren den Eingriff in ihre Planungshoheit. Krankenhausverbände warnen vor Insolvenzwellen während der Übergangsphase. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung sieht Chancen in der Ambulantisierung, aber Risiken bei der Finanzierung.
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Siehe auch: Gesundheitssystem · Gesundheitsreform · Gesundheitspolitik · Healthcare PR · Regulatory Affairs
Die Krankenhausreform trifft auf eine Landschaft, deren Eckdaten das Statistische Bundesamt regelmäßig erhebt. Ende 2023 zählte Deutschland 1.874 Krankenhäuser mit 476.924 aufgestellten Betten, darunter 26.158 Intensivbetten. Vollstationär behandelt wurden 17,2 Millionen Fälle, ein Plus von 2,4 Prozent gegenüber 2022, aber weiterhin 11,4 Prozent unter dem Vorpandemieniveau von 19,4 Millionen Fällen aus 2019. Diese Lücke ist einer der Gründe, warum die reine Fallzahlvergütung als nicht mehr tragfähig gilt.
Wie angespannt die Finanzlage vieler Häuser ist, zeigt der Krankenhaus Rating Report 2025 des RWI Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung. Für das Geschäftsjahr 2023 wies er aus, dass 43 Prozent der Kliniken einen Jahresverlust schrieben und 16 Prozent im roten Bereich mit erhöhter Insolvenzgefahr lagen. Für 2024 prognostizierte der Report sogar 56 Prozent defizitäre Häuser. Diese Zahlen prägen die politische Debatte um Tempo und Härte der Reform.
| Element | Inhalt | Quelle / Jahr |
|---|---|---|
| Transformationsfonds Volumen | bis zu 50 Mrd. Euro für den Strukturwandel, Laufzeit 2026 bis 2035 | Bundesamt für Soziale Sicherung, 2026 |
| Bundesanteil | bis zu 29 Mrd. Euro aus dem Sondervermögen Infrastruktur und Klimaneutralität | Bundesamt für Soziale Sicherung, 2026 |
| Länderbeteiligung | mind. 30 % der förderfähigen Kosten 2026 bis 2029, mind. 50 % ab 2030 | Bundesamt für Soziale Sicherung, 2026 |
| KHAG Zustimmung | Bundesrat am 27. März 2026, Inkrafttreten April 2026 | BMG / Bundesrat, 2026 |
Mit dem Krankenhausreformanpassungsgesetz (KHAG) hat der Gesetzgeber das KHVVG nachjustiert, bevor die zentralen Mechanismen finanzwirksam werden. Für Klinikträger und ihre Kommunikation bedeutet das: Die Leistungsgruppenzuordnung, die Verschiebung der Vorhaltevergütung und der Zugang zum Transformationsfonds sind über die kommenden Jahre die entscheidenden Stellschrauben, an denen sich Standortstrategien ausrichten.
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