Das Krankenhausinformationssystem (KIS) ist das operative Rückgrat jeder Klinik. Es steuert Patientenaufnahme, klinische Dokumentation, Abrechnung und Ressourcenplanung in einem integrierten Datenfluss. In Deutschland setzen rund 1.900 Krankenhäuser ein KIS ein. Die Systemlandschaft reicht von monolithischen Plattformen bis zu modularen Best of Breed Architekturen. Dieser Artikel erklärt Architektur, Module, Standards und Marktlage.
Von Burak Uzun, Geschäftsführer der Sanofeld GmbH · Aktualisiert am 12.02.2025
Ein Krankenhausinformationssystem (KIS) ist die zentrale IT Plattform eines Krankenhauses. Es verbindet klinische, administrative und logistische Informationsprozesse in einem gemeinsamen Datenmodell. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) definiert das KIS als die Gesamtheit aller informationsverarbeitenden Subsysteme in einer Klinik.
Moderne KIS folgen einer dreischichtigen Architektur:
Es gibt zwei grundsätzliche Integrationsstrategien:
Monolithisches KIS: Ein Anbieter liefert alle Module aus einer Hand. Vorteil: einheitliche Oberfläche, konsistentes Datenmodell. Nachteil: Vendor Lock in, eingeschränkte Spezialisierungstiefe in Subdisziplinen. Beispiel: SAP IS H mit Patientenverwaltung, Abrechnung und klinischer Dokumentation.
Best of Breed: Spezialsysteme verschiedener Hersteller werden über Kommunikationsserver (z. B. HL7 Engine) integriert. Vorteil: spezialisierte Systeme für Radiologie, Labor und Intensivmedizin. Nachteil: höherer Integrationsaufwand, Schnittstellenrisiken. In der Praxis nutzen ca. 70 Prozent der deutschen Kliniken eine hybride Strategie: ein KIS Kern plus spezialisierte Subsysteme.
Das KIS ist nicht identisch mit dem elektronischen Patientenakten System. Die ePA ist die patientengeführte, krankenkassenfinanzierte Akte. Das KIS ist die einrichtungsinterne Dokumentationsplattform. Weitere angrenzende Systeme: Praxisverwaltungssysteme (PVS) im ambulanten Sektor, Laborinformationssysteme (LIS) als Subsystem und Radiologieinformationssysteme (RIS) für die bildgebende Diagnostik.
Ein vollständiges KIS umfasst typischerweise 15 bis 25 Module. Die folgenden sechs sind die tragenden Säulen:
Die Patientenverwaltung erzeugt die Fallakte, erfasst demografische Daten, Versicherungsstatus und Aufnahmeart (stationär, ambulant, teilstationär). Über die ADT Nachrichten (Admission, Discharge, Transfer) wird jeder Patientenbewegung ein Zeitstempel und ein Kostenträger zugewiesen. In DRG Häusern ist die korrekte Fallzusammenführung entscheidend für die Erlössicherung.
Ärztliche und pflegerische Dokumentation erfolgt strukturiert über Formulare, Textbausteine und Spracherkennung. Befundschreibung in Radiologie, Pathologie und Endoskopie nutzt standardisierte Templates. Die Integration von ICD 10 Kodierung und OPS Prozedurenschlüssel direkt in die Dokumentation reduziert Kodierfehler und beschleunigt die Abrechnung.
Das Abrechnungsmodul bildet die InEK Grouper Logik ab, berechnet DRG Erlöse, Zusatzentgelte und NUB (Neue Untersuchungs und Behandlungsmethoden). Für ambulante Leistungen greift das EBM oder GOÄ Modul. Die Datenübermittlung an die Kostenträger erfolgt über Paragraph 301 SGB V Schnittstellen. Gute KIS Systeme liefern ein Erlös Cockpit mit Soll Ist Vergleich pro Fachabteilung.
Das OP Modul steuert Saalplanung, Schnitt Naht Zeiten, Instrumentenlogistik und Anästhesieprotokollierung. Es verknüpft Chirurgen Verfügbarkeit, Sterilgutversorgung und postoperative Bettendisposition. Ein durchschnittliches deutsches Krankenhaus mit 400 Betten führt ca. 8.000 bis 12.000 OPs pro Jahr durch. Jede Minute ungenutzter Saalzeit kostet zwischen 15 und 25 Euro.
Das PDMS ist das Spezialsystem für Intensivstationen und Anästhesie. Es erfasst Vitalparameter im Sekundentakt direkt von Monitoren, Beatmungsgeräten und Infusionspumpen. Führende Systeme (z. B. ICM von Dräger, MetaVision von iMDsoft) verarbeiten bis zu 5.000 Datenpunkte pro Patient und Tag. Die automatische Übernahme in das KIS vermeidet redundante Dokumentation.
Closed Loop Medication Management umfasst Verordnung, pharmazeutische Validierung, Dispensierung und Verabreichung mit Barcode Scanning. AMTS Prüfungen (Arzneimitteltherapiesicherheit) gegen Interaktionsdatenbanken wie ABDATA oder ifap sind in Deutschland seit dem Patientenrechtegesetz Standard. Ein gutes KIS prüft bei jeder Verordnung Kontraindikationen, Doppelverordnungen und Dosisanpassungen bei Niereninsuffizienz.
Sanofeld ist eine Healthcare Agentur für Omnichannel Marketing, RX & OTC, Social Media und Paid Marketing.
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Kein KIS arbeitet isoliert. Die Vernetzung mit Subsystemen, Zuweisern, Kostenträgern und der Telematikinfrastruktur erfordert standardisierte Schnittstellen.
Fast Healthcare Interoperability Resources (FHIR) ist der aktuelle Standard der HL7 Organisation. FHIR nutzt RESTful APIs und JSON/XML Ressourcen. In Deutschland definiert HL7 Deutschland e. V. die deutschen FHIR Basisprofile. Die Medizininformatik Initiative (MII) hat mit dem Kerndatensatz ein FHIR basiertes Datenmodell für die standortübergreifende Forschung geschaffen. KIS Hersteller müssen FHIR R4 unterstützen, um MII kompatibel zu sein.
Integrating the Healthcare Enterprise (IHE) definiert Integrationsprofile für konkrete Anwendungsfälle. Wichtige Profile im KIS Kontext:
Die Informationstechnische Standards für die interoperable Kommunikation (ISiK) sind vom Bundesgesundheitsministerium im Rahmen des Krankenhauszukunftsgesetzes (KHZG) verpflichtend gemacht worden. ISiK definiert FHIR basierte Schnittstellen für Basismodule (Stufe 1 seit Juli 2023, Stufe 2 seit Januar 2024, Stufe 3 in Vorbereitung). KIS Anbieter müssen die ISiK Konformität durch die gematik bestätigen lassen.
Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) hat Medizinische Informationsobjekte (MIO) definiert: Impfpass, Zahnbonusheft, Mutterpass, U Heft und Laborbefund. KIS Systeme müssen diese MIO über die Telematikinfrastruktur in die ePA einstellen können. Seit Januar 2025 ist die ePA für alle gesetzlich Versicherten verfügbar, was die KIS seitige Anbindung zur Pflicht macht.
Der deutsche KIS Markt ist ein Oligopol mit vier dominanten Anbietern, die zusammen rund 80 Prozent der installierten Basis abdecken.
SAP IS H (Industry Solution Healthcare) war jahrzehntelang der Marktführer bei Universitätskliniken und Maximalversorgern. SAP hat das Ende der Wartung für IS H auf 2030 angekündigt und migriert Kunden auf S/4HANA for Healthcare. Die Migration kostet Großkliniken zwischen 5 und 20 Millionen Euro. Viele Häuser nutzen die Umstellung als Anlass, den KIS Kern zu wechseln.
Dedalus Health hat nach der Übernahme der Agfa Healthcare IT Sparte den europäischen Marktanteil ausgebaut. ORBIS ist in rund 450 deutschen Krankenhäusern im Einsatz. Stärken: tiefe klinische Dokumentation, gute Laborintegration, modularer Aufbau. Dedalus investiert in die cloudbasierte Plattform Dedalus Digital.
Die CompuGroup Medical (CGM) hat mit CGM CLINICAL (ehemals i.s.h.med auf SAP Basis) eine starke Position bei Häusern der Grund und Regelversorgung. CGM CLINICAL läuft als eigenständige Lösung und als SAP Add on. CGM betreibt zudem das Zuweiserportal CGM JESAJANET und das Labor System CGM LABDAQ.
iMedOne, ursprünglich von Telekom Healthcare Solutions entwickelt, ist besonders in kommunalen Häusern verbreitet. Es bietet eine webbasierte Oberfläche und native mobile Clients. Nach der Übernahme durch Dedalus wird iMedOne schrittweise in die ORBIS Plattform integriert.
Bei der KIS Auswahl bewerten Kliniken typischerweise: ISiK Konformität, KHZG Förderfähigkeit, Total Cost of Ownership über 10 Jahre, Migrationspfad vom Altsystem, Referenzinstallationen vergleichbarer Häuser und die Innovationsroadmap des Anbieters.
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Das Krankenhauszukunftsgesetz (KHZG) stellt seit 2021 insgesamt 4,3 Milliarden Euro für die Digitalisierung deutscher Krankenhäuser bereit (3 Milliarden Bund, 1,3 Milliarden Länder). Die Mittel fließen über elf Fördertatbestände.
Für KIS Projekte sind insbesondere relevant:
Jeder Förderantrag muss die von der DKG definierten Muss Kriterien erfüllen. Diese umfassen ISiK Konformität, Anbindung an die Telematikinfrastruktur, IT Sicherheitskonzept nach B3S Krankenhausstandard und digitale Reifegrad Selbstbewertung. Die Reifegradbewertung basiert auf dem DigitalRadar Modell, das 7 Dimensionen mit insgesamt 168 Items misst. Der bundesweite Durchschnitt lag bei der ersten Erhebung 2022 bei 33,25 von 100 Punkten. Die zweite Erhebung mit Stichtag 30. Juni 2024 zeigte einen Anstieg auf 42,4 Punkte.
Bis Ende 2025 waren rund 6.200 Einzelprojekte beantragt. Die Nachweisfrist für die Mittelverwendung wurde auf Ende 2025 verlängert. Viele Häuser haben Patientenportale und Medikationsmanagement Projekte gestartet. Die größte Herausforderung: Fachkräftemangel in der Krankenhaus IT. Laut Krankenhaus IT Leiter Studie (KhIT) von Roland Berger fehlen bundesweit ca. 10.000 IT Fachkräfte in Kliniken.
Krankenhausinformationssysteme verarbeiten Gesundheitsdaten nach Art. 9 DSGVO, die dem höchsten Schutzniveau unterliegen. Gleichzeitig sind Krankenhäuser ab 30.000 vollstationären Fällen pro Jahr als Kritische Infrastruktur (KRITIS) eingestuft.
KRITIS Krankenhäuser müssen dem Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) alle zwei Jahre nachweisen, dass ihre IT dem Stand der Technik entspricht. Der branchenspezifische Sicherheitsstandard B3S für die Gesundheitsversorgung definiert 168 Anforderungen in 10 Kategorien. Die Prüfung erfolgt durch BSI zugelassene Auditoren.
Seit Januar 2022 müssen alle Krankenhäuser, nicht nur KRITIS Häuser, angemessene IT Sicherheitsmaßnahmen nach dem Stand der Technik umsetzen. Der Gesetzgeber verweist auf den B3S als Orientierungsrahmen. De facto gilt damit der KRITIS Standard für alle 1.900 Krankenhäuser in Deutschland.
Die Bedrohungslage ist akut. Dokumentierte Vorfälle:
Wirksame KIS Sicherheit erfordert ein mehrschichtiges Konzept:
Die DSGVO konforme KIS Nutzung erfordert ein Berechtigungskonzept, das den Grundsatz der Datensparsamkeit umsetzt. Ein Chirurg darf nicht auf psychiatrische Befunde zugreifen. Ein Verwaltungsmitarbeiter sieht nur administrative Daten. Zugriffsprotokollierung (Audit Trail) muss lückenlos und manipulationssicher sein. Patienten haben das Recht auf Auskunft, Löschung und Datenportabilität ihrer KIS Daten.
Der KIS Markt ist ein B2B Segment mit Entscheidungszyklen von 12 bis 36 Monaten. Einkaufsentscheidungen treffen IT Leiter, Geschäftsführer und ärztliche Direktoren gemeinsam. Klassische Vertriebswege wie Messeauftritte (DMEA, MEDICA) und Fachpublikationen im Krankenhaus IT Journal bleiben wichtig, reichen aber nicht mehr aus.
Potenzielle Kunden recherchieren KIS Lösungen online. Sie vergleichen Anbieter, lesen Erfahrungsberichte und suchen nach Fachartikeln zu KHZG Fördertatbeständen, ISiK Konformität und Migrationspfaden. Wer in dieser Recherchephase nicht sichtbar ist, wird nicht auf die Shortlist gesetzt.
Sanofeld entwickelt als Healthcare Agentur SEO Strategien und Content Marketing für KIS Hersteller, Health IT Unternehmen und Medizintechnik Firmen. Wir kennen die Fachsprache, die Entscheider und die regulatorischen Rahmenbedingungen. Von der Keyword Analyse über die Erstellung medizinisch fundierter Fachartikel bis zur technischen Suchmaschinenoptimierung begleiten wir den gesamten Prozess. Kontaktieren Sie uns für eine unverbindliche Erstberatung.
Siehe auch: Gesundheits Apps · Medical Writing
Wie viele Häuser ein KIS überhaupt betreiben und wie weit deren Digitalisierung fortgeschritten ist, lässt sich inzwischen mit belastbaren Zahlen beschreiben. Die folgende Übersicht fasst die aktuelle Strukturstatistik und die zweite nationale Reifegradmessung zusammen.
| Kennzahl | Wert | Quelle (Jahr) |
|---|---|---|
| Krankenhäuser in Deutschland | 1.841 | Destatis (2024) |
| Aufgestellte Betten im Jahresdurchschnitt | 472.900 | Destatis (2024) |
| Durchschnittliche Bettenauslastung | 72,0 Prozent | Destatis (2024) |
| Digitaler Reifegrad, bundesweiter Schnitt | 42,4 von 100 Punkten | DigitalRadar, 2. Runde (Stichtag 30.06.2024) |
| Reifegrad-Schnitt der ersten Erhebung | 33,3 von 100 Punkten | DigitalRadar (2021) |
Veröffentlicht wurden die Strukturdaten vom Statistischen Bundesamt am 6. November 2025; gegenüber dem Vor-Pandemie-Niveau von 2019 liegt die Bettenauslastung weiterhin spürbar niedriger (damals 77,2 Prozent). Die Reifegradmessung ordnet die teilnehmenden Häuser sieben Dimensionen zu. Bei der Auswertung nach Versorgungsstufe erreichen Maximalversorger im Schnitt 51,9 Punkte, während Grundversorger bei 38,3 Punkten liegen.
Auch die Bedrohungslage lässt sich beziffern. Im Berichtszeitraum von Mitte 2023 bis Mitte 2024 verzeichnete das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik 141 Meldungen erheblicher IT-Störungen aus dem Gesundheitswesen. Damit war der Sektor der zweithäufigste unter allen acht KRITIS-Bereichen. Nach Einschätzung des BSI fällt rund ein Zehntel der deutschen Kliniken unter die KRITIS-Pflichten.
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