Personalisierte Medizin passt Diagnostik und Therapie an das individuelle molekulare Profil des Patienten an. In der Onkologie hat die Präzisionsmedizin die Behandlung bereits grundlegend verändert. Genomsequenzierung, Biomarker und Companion Diagnostics machen die richtige Therapie für den richtigen Patienten möglich.
Von Burak Uzun, Geschäftsführer der Sanofeld GmbH · Aktualisiert am 12.02.2025
Personalisierte Medizin, in der Fachsprache zunehmend als Präzisionsmedizin bezeichnet, nutzt molekulare, genomische und phänotypische Daten, um medizinische Entscheidungen zu individualisieren. Der Unterschied zur konventionellen Medizin: Statt einer Standardtherapie für alle Patienten mit derselben Diagnose erhalten Patienten eine Therapie, die auf ihr biologisches Profil zugeschnitten ist.
Biomarker sind messbare biologische Indikatoren, die den Krankheitsstatus, das Ansprechen auf eine Therapie oder die Prognose anzeigen. Prädiktive Biomarker (sagen das Therapieansprechen vorher, z.B. HER2 bei Brustkrebs), prognostische Biomarker (sagen den Krankheitsverlauf vorher, z.B. Ki 67) und diagnostische Biomarker (identifizieren eine Krankheit, z.B. Troponin bei Myokardinfarkt) bilden die Grundlage der Präzisionsmedizin.
Companion Diagnostics sind diagnostische Tests, die mit einem bestimmten Therapeutikum gekoppelt sind. Die Zulassung des Medikaments ist an die vorherige Testung gebunden. Beispiel: Trastuzumab (Herceptin) nur bei HER2 positivem Brustkrebs, Pembrolizumab (Keytruda) bei bestimmten PD L1 Expressionsniveaus.
Molekulare Tumorboards diskutieren die genomischen Profile individueller Tumoren und empfehlen zielgerichtete Therapien. Next Generation Sequencing (NGS) analysiert Hunderte tumorrelevanter Gene gleichzeitig. Die Comprehensive Cancer Centers der Deutschen Krebshilfe betreiben molekulare Tumorboards, an denen Onkologen, Pathologen, Humangenetiker und Bioinformatiker teilnehmen.
Tyrosinkinase Inhibitoren (Imatinib bei BCR ABL positivem CML), BRAF Inhibitoren (Vemurafenib bei BRAF V600E mutiertem Melanom), ALK Inhibitoren (Crizotinib bei ALK positivem Lungenkarzinom) und Checkpoint Inhibitoren (Pembrolizumab, Nivolumab) sind Beispiele für molekular stratifizierte Therapien, die die Onkologie transformiert haben.
Larotrectinib und Entrectinib wirken unabhängig von der Tumorlokalisation bei Vorliegen einer NTRK Fusion. Pembrolizumab ist für MSI H/dMMR Tumoren unabhängig von der Entität zugelassen. Dieses tumoragnostische Prinzip bricht mit der organbasierten Onkologie.
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Die Pharmakogenomik untersucht, wie genetische Varianten den Arzneimittelstoffwechsel beeinflussen. Cytochrom P450 Enzyme (CYP2D6, CYP2C19, CYP3A4) metabolisieren einen Großteil aller Arzneimittel. Genetische Polymorphismen führen zu Ultra Rapid, Extensive, Intermediate oder Poor Metabolizern.
DPYD Testung vor Fluoropyrimidin Therapie (5 FU, Capecitabin): Patienten mit DPYD Defizienz haben ein hohes Risiko für lebensbedrohliche Toxizität. Die DPYD Testung vor Therapiebeginn ist in Leitlinien empfohlen und wird von den Krankenkassen erstattet.
HLA B*5701 Testung vor Abacavir (HIV): Vermeidet lebensbedrohliche Hypersensitivitätsreaktionen.
CYP2C19 Testung bei Clopidogrel: Poor Metabolizer profitieren nicht von Clopidogrel, sie benötigen Ticagrelor oder Prasugrel.
Die klinische Implementierung der Pharmakogenomik steht noch am Anfang. Das Ubiquitous Pharmacogenomics Consortium (U PGx) erprobt die präemptive Genotypisierung (Testung vor dem ersten Arzneimittelkontakt) in mehreren europäischen Ländern.
Liquid Biopsy analysiert zirkulierende Tumor DNA (ctDNA), zirkulierende Tumorzellen (CTCs) und Exosomen aus einer Blutprobe. Sie ergänzt die Gewebebiopsie und bietet Vorteile: weniger invasiv, wiederholbar, bildet die Tumorheterogenität besser ab.
Nach kurativer Therapie kann die Liquid Biopsy minimale Tumorreste (Minimal Residual Disease, MRD) nachweisen, bevor bildgebende Verfahren ein Rezidiv erkennen. Studien beim Kolonkarzinom zeigen, dass ctDNA positive Patienten nach Resektion ein signifikant höheres Rezidivrisiko haben.
Unter laufender Therapie zeigt der ctDNA Verlauf das Ansprechen oder eine Resistenzentwicklung an. Molekulare Resistenzmechanismen lassen sich identifizieren und die Therapie entsprechend anpassen, ohne erneute Gewebebiopsie.
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Whole Genome Sequencing (WGS) sequenziert das gesamte Genom (3 Milliarden Basenpaare). Whole Exome Sequencing (WES) konzentriert sich auf kodierende Bereiche (etwa 1,5 Prozent des Genoms, aber 85 Prozent der krankheitsrelevanten Varianten). Genpanels sequenzieren eine vordefinierte Auswahl therapierelevanter Gene (typischerweise 50 bis 500 Gene). Die Kosten für WGS sind von 3 Milliarden USD (Human Genome Project, 2003) auf unter 200 USD (2025) gefallen.
Das Gendiagnostikgesetz (GenDG) regelt genetische Untersuchungen in Deutschland. Es schreibt eine genetische Beratung vor und nach diagnostischer Gendiagnostik vor, verbietet genetische Diskriminierung durch Arbeitgeber und Versicherer und regelt die prädiktive Diagnostik bei Gesunden.
Genomdatenbanken, Biobanken und vernetzte Datenintegrationszentren bilden das Rückgrat der Präzisionsmedizin. Genomics England hat 100.000 Genome sequenziert und in eine nationale Datenbank integriert. In Deutschland baut die MII Datenintegrationszentren an 37 Universitätsklinika auf.
Die Kosten für NGS Panels und Companion Diagnostics sind hoch und die Erstattung nicht in allen Indikationen geklärt. Die Interpretation genomischer Varianten erfordert spezialisierte Expertise, die nicht flächendeckend verfügbar ist. Ethische Fragen (Zufallsbefunde, prädiktive Information, Datensouveränität) und versicherungsrechtliche Aspekte (Darf die PKV genomische Informationen nutzen?) bleiben offen.
Die Integration von Genomik, Proteomik, Metabolomik und Mikrobiomdaten (Multiomics) ergibt ein detailliertes molekulares Patientenprofil. Digitale Zwillinge simulieren die individuelle Physiologie und ermöglichen die virtuelle Erprobung von Therapien. Federated Learning Ansätze verbinden Klinikdaten über Institutionsgrenzen hinweg und schaffen die Datenbasis für genomweite Assoziationsstudien mit klinischer Relevanz.
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Siehe auch: KI Medizin · Gesundheitsdaten · Arzneimittelentwicklung · Regulatory Affairs · GEO
Lange war die umfassende Genomsequenzierung in Deutschland Sache einzelner Universitätskliniken und Forschungsprojekte. Mit dem Modellvorhaben nach § 64e SGB V soll sie schrittweise in die Regelversorgung der gesetzlichen Krankenversicherung überführt werden. Das Vorhaben bildet den Kern der Nationalen Strategie für Genommedizin des Bundesgesundheitsministeriums und stützt sich auf die zuvor vom Ministerium geförderte Initiative genomDE, die das Konzept für die Dateninfrastruktur entwickelt hat.
| Eckpunkt | Stand | Quelle |
|---|---|---|
| Indikationen | seltene und onkologische Erkrankungen | BfArM, 2024 |
| Vertragsstart mit den Kostenträgern | GKV zum 31. Juli 2024, PKV zum 1. September 2024 | GKV-Spitzenverband, 2024 |
| Plattformträger | BfArM, lässt klinische Datenknoten und Genomrechenzentren zu | BfArM, 2024 |
Parallel zeigt das Nationale Netzwerk Genomische Medizin Lungenkrebs (nNGM), wie sich Präzisionsdiagnostik flächendeckend organisieren lässt. Aus dem Kölner Netzwerk Genomische Medizin von 2010 hervorgegangen, wird das nNGM seit dem 1. April 2018 von der Deutschen Krebshilfe gefördert. Es arbeitet nach dem Prinzip zentral testen, dezentral behandeln: Spezialisierte Zentren übernehmen die NGS-Diagnostik und Befundung, während rund 500 regionale Netzwerkpartner die Patienten wohnortnah weiterbehandeln. Für die Healthcare-Kommunikation entsteht daraus eine doppelte Aufgabe, nämlich behandelnde Ärzte über Teststrukturen zu informieren und Patienten den Weg durch diese Netzwerke verständlich zu erklären.
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