Virtual Reality taucht Patienten in computergenerierte Welten ein und nutzt diesen Immersionseffekt therapeutisch. In der Schmerztherapie, der Psychotherapie und der chirurgischen Ausbildung hat VR den Sprung von der Forschung in die klinische Anwendung geschafft.
Von Burak Uzun, Geschäftsführer der Sanofeld GmbH · Aktualisiert am 12.02.2025
Die analgetische Wirkung von VR beruht auf einem einfachen Prinzip: Das Gehirn verfügt über begrenzte Aufmerksamkeitsressourcen. Wenn VR einen Großteil der visuellen und auditiven Verarbeitungskapazität beansprucht, bleibt weniger Kapazität für die Schmerzverarbeitung.
SnowWorld, entwickelt an der University of Washington, war das erste VR Programm für klinische Schmerztherapie. Brandwundenpatienten durchqueren eine verschneite Landschaft und werfen Schneebälle auf virtuelle Objekte. Randomisierte Studien zeigen eine Schmerzreduktion um 35 bis 50 Prozent während des Verbandswechsels, gemessen sowohl subjektiv (VAS Skala) als auch neurophysiologisch (fMRT zeigt reduzierte Aktivität im anterioren Cingulum).
Bei chronischen Schmerzen kombinieren VR Programme Ablenkung mit kognitiv verhaltenstherapeutischen Elementen: Psychoedukation, Entspannungstechniken und graduierte Aktivierung in der virtuellen Umgebung. Eine Metaanalyse im Journal of Pain Research (2023) mit 27 RCTs belegt moderate Effekte auf Schmerzintensität und Schmerzkatastrophisierung bei chronischem Rückenschmerz und Fibromyalgie.
VR ermöglicht kontrollierte Exposition gegenüber angstauslösenden Situationen: Höhenangst (virtuelle Brücken und Balkone), Flugangst (virtuelle Kabine mit Turbulenzen), Arachnophobie (virtuelle Spinnen), soziale Phobie (virtuelle Vortragssituationen). Die Wirksamkeit ist in über 50 RCTs belegt und mit In vivo Exposition vergleichbar. Der Vorteil: graduelle Steigerung der Intensität, beliebige Wiederholung, kein Verlassen der Praxis.
Bravemind (USC Institute for Creative Technologies) setzt VR für die Behandlung posttraumatischer Belastungsstörungen bei Soldaten ein. Die virtuelle Umgebung (irakische Straße, Konvoi) wird in der Prolonged Exposure Therapy genutzt. Kontrollierte Studien zeigen signifikante Reduktionen der PTBS Symptomatik.
Die Neomento GmbH entwickelt VR basierte Expositionstherapiemodule für den deutschsprachigen Markt. Soziale Phobien werden in virtuellen Alltagssituationen (Einkauf, Vortrag, Restaurantbesuch) therapiert. Die Integration in die psychotherapeutische Regelversorgung steht noch aus.
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Osso VR und FundamentalVR bieten chirurgische Simulationen, die Operationsschritte in einer virtuellen Umgebung trainierbar machen. Haptisches Feedback über spezielle Controller simuliert den Widerstand von Gewebe und Knochen. Studien zeigen, dass Chirurgen mit VR Training bei ihrem ersten realen Eingriff signifikant weniger Fehler machen und schneller arbeiten als die Kontrollgruppe.
VR ergänzt den Sezierkurs und das Lehrbuch durch begehbare 3D Anatomie. Im Unterschied zu AR Medizin, die digitale Elemente auf die reale Welt legt, ersetzt VR das Sichtfeld vollständig. Studierende können Organe von innen betrachten, Gefäßverläufe dreidimensional nachvollziehen und pathologische Veränderungen im räumlichen Kontext explorieren.
VR basierte Notfallszenarien trainieren Teamarbeit, Kommunikation und Entscheidungsfindung unter Stress. Der Vorteil gegenüber konventionellen Simulationen: beliebig komplexe Szenarien, keine physische Infrastruktur, ortsunabhängiges Training.
VR motiviert Schlaganfallpatienten zu repetitiven Bewegungsübungen durch spielerische Aufgaben. Eine Cochrane Review mit 72 Studien zeigt moderate Effekte auf die Armfunktion und die Aktivitäten des täglichen Lebens. VR ist kein Ersatz für konventionelle Physiotherapie, steigert aber Übungsintensität und Motivation.
VR basiertes Gleichgewichtstraining nutzt visuelle Feedback Schleifen: Der Patient sieht seinen Avatar und korrigiert seine Haltung. Bei M. Parkinson und nach Schlaganfall verbessern VR Programme Balance und Gangbild. Die Sturzprophylaxe bei älteren Patienten gehört zu den Anwendungsfeldern, die zunehmend untersucht werden.
VR Umgebungen simulieren Alltagsaufgaben (Einkaufen, Kochen, Navigation) für Patienten mit kognitiven Einschränkungen nach Schädel Hirn Trauma oder Schlaganfall. Die ökologische Validität ist höher als bei abstrakten Papier Bleistift Tests.
Sanofeld ist eine Healthcare Agentur für Omnichannel Marketing, RX & OTC, Social Media und Paid Marketing.
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Siehe auch: AR Medizin · Digital Health · KI Medizin · Telemedizin · GEO · Healthcare Advertising
Anders als reine Forschungsanwendungen hat ein VR Verfahren in Deutschland den Sprung in die Regelversorgung geschafft. Über das Digitale-Versorgung-Gesetz vom 9. Dezember 2019 entstand mit dem Anspruch nach Paragraf 33a SGB V die Grundlage dafür, dass gesetzlich Versicherte digitale Gesundheitsanwendungen auf Rezept erhalten und die Krankenkasse die Kosten trägt. Invirto der Hamburger Sympatient GmbH wurde am 4. Dezember 2020 in das DiGA Verzeichnis des BfArM aufgenommen und ist dort inzwischen dauerhaft gelistet. Die App kombiniert eine kognitive Verhaltenstherapie mit Expositionstraining über eine VR Brille und behandelt Agoraphobie, Panikstörung und soziale Phobie von zu Hause aus.
| Kennzahl | Wert | Quelle/Jahr |
|---|---|---|
| VR DiGA im BfArM Verzeichnis (Invirto, Sympatient) | aufgenommen 04.12.2020, dauerhaft gelistet | BfArM DiGA Verzeichnis / aerzteblatt.de, 2020 |
| DiGA gesamt im BfArM Verzeichnis (Stand 31.12.2025) | 58 | DiGA Report 2025 |
| DiGA Freischaltcodes pro Jahr | rund 672.000 (plus 64 % zum Vorjahr) | GKV DiGA Bericht (2024) |
| GKV Ausgaben für DiGA pro Jahr | rund 234 Mio. Euro | GKV DiGA Bericht (2024) |
| Krankenhäuser mit VR Einsatz (Training oder OP) | 11 % | Bitkom/Hartmannbund, 27.05.2025 |
| Klinikärzte ohne VR, die den Einsatz für sinnvoll halten | 54 % | Bitkom/Hartmannbund, 27.05.2025 |
Für die Vermarktung von VR Lösungen verschiebt sich damit die zentrale Frage von der medizinischen Wirksamkeit hin zum Erstattungsweg. Wer den DiGA Weg geht, muss einen positiven Versorgungseffekt nachweisen und ein Medizinprodukt der Risikoklasse I oder IIa bereitstellen; das mit dem Digital-Gesetz vom 26. März 2024 eingeführte erweiterte Verfahren öffnet das Verzeichnis zusätzlich für Anwendungen der Klasse IIb. Die Bitkom Befragung von 616 Medizinerinnen und Medizinern zeigt zugleich, dass die Bereitschaft im Klinikbereich deutlich über der heutigen Nutzung liegt, was den Adressatenkreis für Klinik und Reha Ansprache greifbar macht.
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